Sechs Killerapplikationen
Ferguson ist ausgewiesener Imperialismus-Experte. Auch in dieser Studie sind Imperien seine zentrale Maßeinheit, doch hier reicht ihm dieser Erklärungsansatz zur Vormachtstellung des Westens nicht aus, noch weniger lässt er den schlichten historischen Zufall gelten. Statt dessen führt er sechs Erklärungen – in seiner Terminologie »Killerapplikationen« an, die seiner Theorie nach bedingten, dass der Westen den Rest der Welt dominierte und nicht umgekehrt: der Wettbewerb zwischen miteinander konkurrierenden autonomen Körperschaften, die wissenschaftliche Revolution, der Rechtsstaat und die repräsentative Regierung, die moderne Medizin, die Konsumgesellschaft sowie die (protestantische) Arbeitsethik.
Diese Applikationen, die nach Ferguson erst in ihrer Kombination wirksam werden, fehlten um 1500 dem Rest der Welt. Erst viel später begannen asiatische Staaten, diese Anwendungen »herunterzuladen«. Dabei stellten sich vor allem die Wissenschaften, die Medizin, die Konsumgesellschaft und die Arbeitsethik für Chinas wirtschaftliche Entwicklung seit den 1950er Jahren als relevant heraus. Neue Anwendungen sind weder im Westen noch im Osten in Sicht. Jedoch weiß der Osten die »Killerapplikationen« momentan besser zu nutzen, Europäer sind schlicht die Faulpelze der Welt in punkto Arbeitsstunden.
Ferguson verfällt nicht in eine populistische Alarmstimmung. Sein Buch ist gut recherchiert, dies belegt der ausführliche Anhang des Buchs: Es finden sich nicht nur zahlreiche Literaturhinweise und Quellenangaben zu den einzelnen Kapiteln. Ein Orts- und Personenregister erleichtert das Querlesen einzelner Textstücke. Der nicht chronologische, sondern nach systematischen Gesichtspunkten ausgerichtete Aufbau des Buchs ist sinnvoll. Allerdings hätte das Buch durch eine Beschränkung an Fülle gewonnen: die Faktenreiche und die vielen Details bezeugen die Fleißarbeit des Autors, verhindern aber eine Konzentration auf das eigentlich Innovative des Buchs, den sechs »Killerapplikationen«.