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Niels Boeing: Nano?!

12.04.2004


Alles nano oder was?

Niels Boeing bietet höchst spannende und aufschlussreiche Einblicke in die Technik des 21. Jahrhunderts. Ihm gelingt eine vorzügliche Gratwanderung zwischen vermittelter Fachkenntnis und einer allgemein verständlichen bildhaften Beschreibung.

 

Das Wörtchen Nano stammt vom griechisch „nannos“ ab: Zwerg. Nanometer bedeutet zehn hoch minus neun Meter – sagt uns das etwas? Ein Milliardstel Meter – schon eher. Die kleinste technische Größenordnung, die uns vielleicht halbwegs geläufig ist, sind moderne Computerchips – eine Pentium-4-Leiterbahn hat einen Durchmesser von etwa 130 Nanometern. Nun stößt die technische Miniaturisierung also in noch kleinere Dimensionen vor, in den Nanokosmos, in die Größenordnung einzelner Moleküle und Atome (der Durchmesser eines Wasserstoffatoms misst etwa ein Zehntel Nanometer).

Vorstoß in eine Welt, in der andere Gesetze herrschen

Das Abenteuerliche an der aktuellen Entwicklung besteht nun nicht einfach darin, dass die Objekte technischer Gestaltungsmöglichkeit noch kleiner werden – daran haben wir uns bereits gewöhnt – nein, das Besondere an der Nano-Schwelle ist, dass in dieser Welt andere Gesetze zum Tragen kommen: die Gesetze der Quantenmechanik, jener spektakulären Theorie, welche die Physik und die ganze Naturwissenschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts grundlegend aufgemischt hat. Bohr, Einstein, Heisenberg, Planck, Dirac, Schrödinger waren die Protagonisten dieser wissenschaftlichen Revolution.
Den Durchbruch in der technischen Nutzbarmachung der Nanowelt ermöglichten Ende des 20. Jahrhunderts Gerd Binnig und andere mit der Entwicklung des Rastertunnelmikroskops und des Kraftmikroskops: Schlagartig konnte man nun Objekte atomarer Größenordnung „sichtbar“ machen und somit auch „bearbeiten“.

Nanotechnik lautet also das Zauberwort der Stunde, mit dem Wissenschaftler und Techniker (neuen Stils) neue Segnungen versprechen, Politiker und Ökonomen sich Wachstum und neue Märkte erhoffen. Der Begriff schließt „banale“ Erfindungen wie die Entwicklung eines neuen Autolacks ebenso ein wie Solarzellen eines völlig neuen Typus’ und das gesamte Gebiet der Nanomedizin inklusive der DNS-Entschlüsselung und neuer Therapien. Da sollte man doch wenigstens einen blassen Schimmer haben, wovon eigentlich die Rede ist.

Gestern, Heute, Morgen, Übermorgen

Der Wissenschaftsjournalist Niels Boeing leistet hier mit seinem Buch Nano?! – Die Technik des 21. Jahrhunderts einen Bärendienst. In vier Stationen – Gestern, Heute, Morgen, Übermorgen – unternimmt er eine Reise durch die Entwicklungsstationen dieses neuen Technikzweiges, von der Entstehung über den Status Quo und den bevorstehenden Durchbrüchen in naher Zukunft bis hin zu Zukunftsvisionen verschiedenster Couleur.

Boeing lässt den Leser teilhaben an der Faszination des neuen technischen Zugangs zur Nanowelt. Er spart dabei kritische Betrachtungen nicht aus, aber das Buch will in erster Linie keinen ethischen Diskurs führen, sondern einen Querschnitt über die Grundlagen und Möglichkeiten der Technik geben. Aber Boeings wohltuende Zurückhaltung hat auch wohltuende Grenzen: wenn er abstruse Visionen von Mega-Nano-Technokraten wie dem umstrittenen Forscher Robert A. Freitas vorstellt, der nicht nur von künstlichem Blut träumt, sondern das Unweigerliche von Altern und Tod schlichtweg in Zweifel zieht - dann tritt Boeings Haltung zwischen den Zeilen deutlich zutage.

Es gibt weitere Vorzüge dieses rundherum gelungenen Buches. So kann man das Buch in einem ersten Durchgang flüssig lesen, vieles einfach bestaunen, manches nur erahnen, manche Details noch nicht auf Anhieb verstehen, aber doch schon einen - vielleicht eher intuitiven - Erkenntnisgewinn davon tragen. Wem das noch nicht genügt, dem bietet ein nochmaliges Nachlesen einzelner Kapitel noch weitreichende Möglichkeiten, um das Verständnis zu vertiefen und zusätzliche Einzelheiten nachzuvollziehen. Zur flüssigen, höchst anregenden Lektüre trägt ganz wesentlich Boeings bildhafte anschauliche Sprache, mit der er die technisch- wissenschaftlichen Zusammenhänge vermittelt, ohne dabei auch nur ansatzweise an fachlicher Seriosität einzubüßen. Eine hohe Kunst, die er wunderbar beherrscht. Das Vorwort von Nobelpreisträger Gerd Binnig lässt keinen Zweifel an den Verdiensten Boeings bei der Darstellung des Themas.
Schließlich ist das Buch einfach schön aufgemacht, vom attraktiven Cover bis hin zum angenehmen Schriftbild. Den Machern einen uneingeschränkten Glückwunsch!

Anselm Brakhage


Niels Boeing: Nano?! Die Technik des 21. Jahrhunderts.
Rowohlt Berlin 2004. Mit einem Vorwort von Gerd Binnig.
Gebunden. 189 Seiten. 16,90 Euro. ISBN 3-87134-488-5.





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