Werner Fuld: Die Bildungslüge
26.04.2004
Von der deutschen (Miss-)Bildung
Deutsche Schüler sollen weder in Altgriechisch noch in Französisch unterrichtet werden, sie sollen keine Klassiker lesen und auch die an den Schulen derzeit unterrichteten Mathematiklektionen und der herkömmliche Geschichtsunterricht sind nur sinnlose Zeitverschwendung.
Werner Fulds Konzept hört sich für Schüler verlockend an, denn wahrscheinlich bevorzugen sie es sowieso, ihr Wissen und ihre Allgemeinbildung abends um 20.15 Uhr durch die von Günther Jauch gestellten Fragen abfragen zu lassen und zu erweitern. Jedoch lehnt der bekannte Literaturkritiker Fuld, der im März im Nachtstudio des ZDF mit von der Partie war, als über das Thema „Das ganze Leben nur ein Quiz? – Wissen in der Spaßgesellschaft“ diskutiert wurde, gerade stupides Faktenwissen ab.
Die Zukunft spricht Englisch
Seine Thesen, wie ein deutsches Bildungssystem aussehen müsste, damit sich in Deutschland an der momentanen durch PISA ans Tageslicht gekommenen Misere etwas ändert, klingen zum Teil einleuchtend, aber undurchführbar. Vor allem müsse sich der Blick in die Zukunft richten und nicht in der Vergangenheit verharren, aus der die Menschen im Laufe der Geschichte noch nie etwas gelernt haben. Der Wert der deutschen Sprache solle weniger wichtig genommen werden und statt sich mit dem komplizierten Deutsch zu beschäftigen, sei es ratsam, sich dem einfach erlernbaren, in der ganzen Welt verständlichen Englisch zu öffnen. Fuld ruft zur kreativen Handhabung, zum Spiel mit der Sprache auf, nicht zum sinnlosen typisch germanistischen Auseinandernehmen einzelner Texte und Textstellen der großen deutschen Klassiker, weil diese Werke der deutschen Kultur von heute nicht mehr angehören.
Die Fächer Mathematik und Physik müssten im Schulunterricht praktischen Nutzen für den Alltag haben und der Staat solle nicht Geld in teure Forschungsprojekte stecken, deren einziger Nutzen darin besteht, die Arbeitsplätze einiger gutbezahlter Wissenschaftler zu sichern. Die meisten deutschen Politiker prangert Fuld an als „altkluge und neuweise Schwätzer“, die nicht in großen Zusammenhängen Denken können, sondern sich nur von einer Amtsperiode zur nächsten hangeln, so wie schon in der Jugend in der Schule, von einer Klausur zur nächsten, bevor das Gelernte wieder vergessen wird. Er beklagt sich darüber, dass es für Politiker nicht die Pflicht der Weiterbildung gibt, weshalb sich der größte Teil von ihnen nicht auf dem neuesten Wissensstand im eigenen Fachgebiet befindet.
Veränderungen sind gefährlich
Globales Denken, den Blick in die Zukunft richten und sich von der Last der Vergangenheit, auch von Ausschwitz, zu lösen – das empfiehlt Werner Fuld. Aber gleichzeitig weiß er, dass diese Ideale in Deutschland Utopie bleiben werden, da „die Protagonisten dieses Systems, Politiker, Professoren und Lehrer, eine Veränderung nicht wollen.“ Solange diejenigen bestimmen können und die Macht über Veränderung oder Stagnation haben, die ihr Prestige und ihr Gehalt in Gefahr brächten, wenn sich an der deutschen Bildungsmisere etwas ändern würde, wird kein „Ruck durch unser Land gehen“, wie es im Jahr 1999 der damalige Bundespräsident Roman Herzog kurz vor Ende seiner Amtszeit forderte.
„Die Bildungslüge“ ist ein Buch, dem deshalb Beachtung geschenkt werden sollte, weil es zum Nachdenken darüber anregt, ob es wirklich Sinn macht, das Bildungssystem dahingehend zu verändern, dass man die Lehr- und Stundenpläne der Schüler noch voller mit überflüssigem Faktenwissen packt, anstatt weniger, aber dafür effektiveres und praktisch anwendbares Wissen zu vermitteln. Man kann und sollte Fulds Buch aber nicht als Anleitung zu einem neuen System verwenden, denn dafür argumentiert der Literaturkritiker häufig zu radikal, beispielsweise wenn er behauptet die Lektüre klassischer Literatur mache dumm. Als Provokation kann man das populärwissenschaftliche, leicht verständliche Werk verstehen, das den deutschen Leser dazu auffordert, sich Gedanken über ganz unterschiedliche Missstände in seinem Land zu machen.
Eva-Maria Vogel
Werner Fuld: Die Bildungslüge – Warum wir weniger wissen und mehr verstehen müssen. Argon Verlag. April 2004. 302 Seiten. 19,90 ¤. ISBN: 3-87024-598-0.
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