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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:08

 

Johannes Rau: Den ganzen Menschen bilden.

26.04.2004

 
Bildung für den ganzen Menschen und das ganze Leben 

Wir brauchen nicht nur mehr Wissen, sondern vor allem eine ausgeprägte Urteilsfähigkeit und damit Bildung. Sie sei auch die Voraussetzung für ein gelungenes Leben. Der reine „homo oeconomicus“ als Zulieferer für den Arbeitsmarkt sei nur ein „rationaler Trottel“.

 

Unter großem Beifall fand während der didacta in Köln die Buchpräsentation des Bundespräsidenten in Anwesenheit des Verlegers, Dr. Manfred Beltz-Rübelmann, und der Moderatorin von Lesen!, Elke Heidenreich, statt. In der Regel wählt Elke Heidenreich Literatur aus, von der sie möchte, dass sie von möglichst vielen Menschen gelesen wird. Diesmal hatte sie sich mit Begeisterung das neue Buch des Bundespräsidenten „Den ganzen Menschen bilden – wider den Nützlichkeitszwang“ vorgenommen.

Mit Johannes Rau war sie sich darüber einig, dass wir in Deutschland dringend eine Bildungsreform brauchen. Schulen sind Lebensräume, in denen wir Erfahrungen machen und die unser Leben prägen. In der öffentlichen Wertschätzung müssen sie wieder einen anderen Stellenwert bekommen, meint der Bundespräsident, denn: „Die Herausforderungen an die Wissenschaft und an die wissenschaftliche Ausbildung sind in dem Maße gewachsen, wie ihre Bedeutung für die ökonomische Prosperität, für die kulturelle Kreativität und für die Vitalität demokratischer Teilhabe zugenommen hat“. Sie werde eine wichtige Frage für die Selbstbehauptung Europas im Zusammenspiel mit der Globalisierung.

Doch bräuchten wir nicht nur mehr Wissen, sondern vor allem eine ausgeprägte Urteilsfähigkeit und damit Bildung. Sie sei auch die Voraussetzung für ein gelungenes Leben– so der Bundespräsident. Der reine „homo oeconomicus“ als Zulieferer für den Arbeitsmarkt sei nur ein „rationaler Trottel“.

Gleichzeitig haben sich unsere gesellschaftlichen und medialen Bedingungen stark verändert. Lesen und Schreiben sind heute bei uns keine Selbstverständlichkeit mehr. Deutsch ist nicht in allen Haushalten die erste Sprache. In keinem anderen europäischen Land ist aber der Schulerfolg so stark von der sozialen Herkunft abhängig wie in Deutschland. Gewalt in Klassenräumen ist an der Tagesordnung. Und Lehrer geraten zunehmend unter Druck.

Rau plädierte aus den genannten Gründen dafür, dass Lehrern im Dickicht von Rahmenrichtlinien vor allem der Rücken gestärkt werden müsse. Die Lebhaftigkeit der Diskussion zwischen Elke Heidenreich und Johannes Rau, für die Bildung und Ausbildung jeweils auch eine existentielle Bedeutung hatten - Raus Schulentwicklung war durch Krieg und Evakuierung beeinträchtigt und Elke Heidenreich hätte, wäre es nach ihrem Vater gegangen, Automechanikerin werden sollen - spiegelte auch die Vielfalt der im Buch versammelten Beiträge des ehemaligen Verlagsbuchhändlers und Wissenschaftsministers.

Für Rau ist der Zusammenhang von Bildung und Demokratie unauflöslich miteinander verbunden.

Petra Kammann interviewte den Bundespräsidenten nach der Präsentation seines Buches:

P.K.: Herr Bundespräsident, in Ihrem Buch sagen Sie, »Bildung ist mehr als Pisa ... wir brauchen Bildung und Erziehung auch jenseits von Nützlichkeit und Verwertbarkeit«. Dabei beschreiben Sie auch das Bildungshoch der 60er Jahre. Wie, glauben Sie, lässt sich Bildung bei immer knapper werdenden Etats denn noch finanzieren?

Johannes Rau: Ich glaube nicht, dass das nur eine Frage der Finanzierbarkeit ist. Ein Umdenken im Bildungswesen muss nicht unbedingt Geld kosten, jedenfalls nicht mehr, als das Bildungssystem jetzt schon davon braucht. Ich bin überzeugt davon, dass wir in unseren Schulen genügend kreative Köpfe und guten Willen haben, um nötige Veränderungen sofort und mit kleinen Schritten einzuleiten. An vielen Orten ist damit schon begonnen worden. Das entlässt Länder und Gemeinden aber nicht aus der Verpflichtung, für eine bessere Ausstattung zu sorgen.

P.K.: Sind Eliteuniversitäten dazu geeignet, Bildung und anschließende Berufschancen sinnvoll zu verknüpfen?

Johannes Rau: Herausragende Hochschulen in Amerika betreiben nicht nur und nicht in erster Linie berufliche Ausbildung. Sie sind Stätten von exzellenter Forschung. Bei uns in Deutschland ist das anders organisiert. Wir haben zum einen Hochschulen mit exzellenten Fakultäten und wir haben zum andern außeruniversitäre Großforschungseinrichtungen, von denen viele weltweit einen hervorragenden Ruf genießen. Für Bildung brauchen wir Spitze und Breite.

P.K.: Wenn man mit 50 als Arbeitnehmer nicht mehr vermittelbar ist, wie es so unschön heißt: was taugt Bildung dann?

Johannes Rau: Es stimmt: In 40 Prozent aller Unternehmen arbeitet niemand, der älter ist als 50 Jahre. Da werden die Unternehmen in den kommenden Jahren stark umdenken müssen. Sie müssen vor allem Vorurteile überwinden, die gegenüber älteren Arbeitnehmern bestehen. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass gerade die Älteren in besonderer Weise den Anforderungen entsprechen, die von den Unternehmen formuliert werden. Das wissen aber offenbar zu wenige in den Unternehmen.
Darum glaube ich, dass die Probleme bei der Vermittlung von älteren Arbeitnehmern nicht in erster Linie mit ihrer Ausbildung zusammenhängen. Richtig ist gewiss auch, dass mit dem 50. Geburtstag das lebenslange Lernen nicht zu Ende sein darf.


Petra Kammann


Johannes Rau, Den ganzen Menschen bilden. Wider den Nützlichkeitszwang
Beltz Verlag, Euro 14,90

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