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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:09

 

Martina Rellin (Hrsg.): Klar bin ich eine Ost-Frau!

26.04.2004

 
Tough, sinnlich, selbstbewusst

Kinder und Karriere – jahrzehntelang haben Frauen in der DDR beides geschafft. Wie sehen Frauen in Ostdeutschland ihre Rolle heute? Was unterscheidet sie von den Frauen im Westen? Martina Rellin hat mit vierzehn Ost-Frauen gesprochen und ihre Lebensansichten aufgezeichnet.

 

Ost-Frauen sind anders

Und wie! Martina Rellin, seit mehr als zehn Jahren Ost-Frau aus Überzeugung, ist von ihren Geschlechtsgenossinen in den neuen Bundesländern derart begeistert, dass sie ihnen ein Buch gewidmet hat. Was ist anders an den Ost-Frauen? Das Vorwort liefert die Antwort: Ost-Frauen sind selbstbewusst. Sie haben an ihren Müttern gesehen, wie sich Familie und Vollzeitjob vereinbaren lassen. Ost-Frauen haben eine gute Ausbildung und wollen sich beweisen – im Job und zu Hause. Geld ist nicht alles für eine Ost-Frau, sie lässt sich nicht verbiegen. Und: Ost-Frauen sind lebensfroh, immer bereit, Neues anzupacken, wenn das Gewohnte nicht mehr trägt. Tough, sinnlich, selbstbewusst – ach, wären wir doch alle Ost-Frauen!

Der Osten im Portrait

„Guten Morgen, du Schöne“ (1977) betitelte die gebürtige Österreicherin Maxie Wander ihre Tonbandprotokolle, in denen siebzehn DDR-Frauen über ihr Leben und ihren Alltag berichteten. Maxie Wanders Lebensberichte und – fast mehr noch - Gabriele Eckarts „So sehe ick die Sache“. Protokolle aus der DDR“ (1984) versuchten die Lebenswirklichkeit aus der ganz persönlichen Sicht der Menschen darzustellen. Dass vor allem Gabriele Eckart mit ihrem Anliegen mitten ins Schwarze traf, beweist die Reaktion der DDR-Zensur: „So sehe ick die Sache“ konnte nur im Westen in einer vollständigen Ausgabe erscheinen. So gesehen, zeigen die Protokolle das „richtige“ Leben jenseits der DDR-Propaganda. Anders Martina Rellin: Sie instrumentalisiert ihre Ost-Lebensberichte, um West-Frauen ihre persönliche Auffassung vom „richtigen“ Leben zu vermitteln. Bereits die Auswahl der portraitierten Frauen spricht eine eindeutige Sprache. Keine ist arbeitslos, fast alle sind sehr gut ausgebildet, viele haben Familie und sind selbstständig – als Event-Designerin, Werbe-Frau, Öko-Bäuerin, Historikerin, Architektin, Ärztin… Sogar eine Hausfrau ist dabei, doch auch sie hat, getrennt lebend und allein erziehend, als Pflegemutter des Jugendamts einen Job aus ihrer Familiensituation gemacht.

Alles nur ein neues Klischee?

Jein! Eine Studie der Universität Rostock hat bereits 1997 die Auswirkungen der Wiedervereinigung auf die Situation der Frauen in Mecklenburg-Vorpommern untersucht. Das Ergebnis: Die Frauen im Osten zählen zu denen, die von der Einheit profitiert haben. Viele machen sich selbstständig und sind damit so erfolgreich, dass 1997 der Anteil der Unternehmerinnen in den neuen Bundesländern um 5 % höher als in den alten lag. Auch die Arbeitslosen-Statistik spricht eine eindeutige Sprache: Während 1992 von 100 Arbeitslosen im Osten mehr als 64 Frauen waren, sind es 2002 weniger als 50. Angesichts dieser möchte man aber auch fragen, wie viele Frauen bereits im Ruhe- bzw. Vorruhestand sind oder sich ins für unbestimmte Zeit ins Hausfrauendasein zurückgezogen haben.

Das „richtige“ Leben

Selbstbewusstsein, Ehrgeiz und Erfolg sind erstrebenswert, im Osten wie im Westen. Doch wie sah die DDR-Wirklichkeit aus, die Frauen mit Kindern die volle berufliche Gleichberechtigung ermöglichte? In ihrer Ost-Euphorie übersieht Martina Rellin einige wichtige Details. Nur ein Beispiel: Die Karriere, kombiniert mit einer Vollzeitstelle, war nicht das Nonplusultra für DDR-Frauen. Stolze 27 Prozent hatten in der End-Zeit der DDR einen Teilzeitjob. Und: Es wären weit mehr gewesen, wenn die Betriebe mehr Stellen zur Verfügung gestellt hätten! Ost-Frau, West-Frau - vielleicht sind die Unterschiede nicht ganz so groß, wie Martina Rellin meint. Und was das „richtige“ Leben ist, muss jede Frau – in Ost und West – für sich allein entscheiden!

Birgit Kuhn


Martina Rellin: Klar bin ich eine Ost-Frau! Frauen erzählen aus dem richtigen Leben. Rowohlt Berlin 2004. 283 Seiten. 16,90 EUR. ISBN: 3-87134-497-4

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