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M. Serres: Thesaurus der exakten Wissenschaften

29.04.2004

 
Von Abbildung bis Zytoplasma

Serres, Farouki und ihre Mitstreiter leisten vorbildliche Dienste in ihrem Bestreben, dem interessierten Leser ohne akademische Vorbildung einen verständlichen und einladenden Zugang in die heutige Welt der exakten Wissenschaften zu verschaffen.

 

1997 im französischen Original erschienen, 2001 erstmals in deutscher Übersetzung und nun in der preisgünstigen Fassung für knapp 15 Euro bei Zweitausendeins: der Thesaurus der exakten Wissenschaften. Nichts weniger als eine Re-Demokratisierung der Wissenschaften nennt der Verlag als Anliegen der Herausgeber dieses gewichtigen Bandes. Zweifellos ein ehrenwertes Anliegen, und ein höchst notwendiges ebenso.

Denn in der Tat verschanzen sich die Wissenschaften im Zuge zunehmender Spezialisierung noch immer häufig in ihrem Elfenbeinturm-Dasein. Eher selten ein offener Umgang nach außen, das Bemühen um Vermittlung die Ausnahme. Gehen Sie beispielsweise durch die Flure eines Instituts für Theoretische Physik und Sie werden es schwer haben, jemanden anzutreffen, der Ihnen knapp und verständlich beschreiben kann, womit er sich beschäftigt und warum er es tut. Und das liegt primär eben nicht daran, dass dieses Tun per se unvermittelbar wäre, sondern an der Selbstverständlichkeit, mit der sich die Beteiligten in ihrer Insider-Welt bewegen und ihre Insider-Sprache verwenden, die dazu dient, sich mit seinesgleichen zu verständigen, aber gleichzeitig nach außen eine abschottende Wirkung hat.

So sehr die Wissenschaft häufig ihren Fachjargon zelebriert, so ehrerbietig und vor allem unendlich distanziert blickt der/die Normalsterbliche vielfach zur hohen Wissenschaft empor. „Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben...“ - mit dieser Wendung wird in den Medien jeder noch so schwachsinnigen Behauptung der Anschein von Unanfechtbarkeit verliehen, jede abweichende Meinung oft versucht im Keim zu ersticken.Wer nicht vom Fach ist, kann sich eh keine Meinung erlauben. Dieses Gehabe ist bisweilen lächerlich und bizarr. Ärgerlich wird es im Zusammenhang mit gesellschaftlich relevanten bis brisanten Themen wie der Informations- oder der Gentechnologie.

In diesem Kontext leisten Serres, Farouki und ihre Mitstreiter nun vorbildliche Dienste in ihrem Bestreben, dem interessierten Leser ohne akademische Vorbildung einen verständlichen und einladenden Zugang in die Welt der exakten Wissenschaften zu verschaffen: den klassischen naturwissenschaftlichen Disziplinen und der Mathematik sowie den neueren Disziplinen Informatik, bis hin zum neuen Gebiet der künstlichen Intelligenz. In 850 kleinen, ein- bis zweiseitigen Kapiteln werden Einführungen zu den „wichtigsten“ Begriffen gegeben – so einfach wie möglich, so komplex wie nötig, unter weitestgehendem Verzicht auf hölzernes terminologisches Kauderwelsch.

Wird Herausgeber Serres diesem Anspruch im 30-seitigen Vorwort nur mit Abstrichen gerecht, so lösen alle Beteiligten im eigentlichen Werk dieses Versprechen überzeugend ein. Zahlreiche Querverweise laden dazu ein, angrenzende Gebiete zu besuchen, und nicht selten landet man schon nach kurzer Zeit an einem ganz anderen Ort, der – wie man bisweilen erstaunt feststellt – oft gar nicht so weit entfernt vom ursprünglichen Ausgangspunkt ist.

In diesem Sinne bringen einem Aufbau und Machart des Buches den interdisziplinären Charakter heutiger Wissenschaften auf geradezu spielerische Weise nahe. Ganz nebenbei kann man übrigens den Thesaurus mittels umfangreichem Sach- und Personenregister auch wunderbar als klassisches Nachschlagewerk verwenden.
Nehmen Sie die Einladung an !

Anselm Brakhage

Nayla Farouki & Michel Serres (Hrsg.): Thesaurus der exakten Wissenschaften.
Zweitausendeins Verlag. Paperback. 1176 Seiten. 14,95 Euro.
Unter Mitarbeit von Charles Auffray (Molekulargenetik, Entwicklungsbiologie), Gilles Dowek (Informatik, Logik), Jean-Gabriel Ganascia (Künstliche Intelligenz, Cognitive Sciences), Christian Houzel (Mathematik, Wissenschaftstheorie und -geschichte), Albert Jacquard (Human- und Populationsgenetik), Étienne Klein (Kernphysik), Pierre Laszlo (Chemie), Pierre Léna (Physik, Astrophysik), Jean-Paul Poirier (Geophysik).

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