John Bainbridge: Die Superamerikaner
06.05.2004
In Texas nichts Neues
Das Bayern Amerikas: John Bainbridge schrieb vor über 40 Jahren über die Texaner. Jetzt gibt es eine deutsche Auswahlübersetzung. Trotz des Alters der Texte lernt man mehr über das heutige Amerika als aus allen verschwörungstheoretischen Entlarvungsbüchern zu Nine-Eleven.
Amerika zum Quadrat
John Bainbridge zog mit Familie für neun Monate nach Texas, um über den amerikanischsten aller amerikanischen Staaten zu schreiben. Heraus kam dann 1961 mehr als ein Buch über Texas: Eines über Amerika. Warum? Weil Texas eine (mitunter fast groteske) Zuspitzung amerikanischer „Tugenden“ ist. Bainbridge blickt als Amerikaner auf Texas wie wir als Europäer auf Amerika blicken. Sein Blick leuchtet uns deshalb so gut ein. Was wir an Amerika hassen und lieben, das gilt für Texas zum Quadrat.
Beten und Saufen
Texas, wie Amerika, zeichnet sich durch erkleckliche Paradoxien aus, zum Beispiel die von schlechtem Essen und Übergewicht. Bainbridge meint: „Gutes Restaurantessen ist in Texas schwieriger zu finden als Öl.“ Nicht ohne Häme liest man deshalb, dass die Amerikaner schon 1961 zu fett waren. Darin sind heute allerdings, ganz augenfällig, die Kalifornier führend.
Bainbridge zitiert einen Geistlichen, der meint, am Nichttrinken erkenne man den Christen (so, als habe Jesus Wein in Wasser verwandelt, und nicht umgekehrt). Jedes texanische County bestimmt souverän, ob Alkoholausschank erlaubt ist. Die Mehrheit der Counties ist „dry“; gesoffen wird trotzdem (oder deshalb?) überdurchschnittlich. Gegen das Saufen durchgegriffen wird gar nicht.
Lauter Millionäre
Bei der Lektüre des Buchs möchte man glauben, es gäbe in Texas nur Millionäre. Ausführlich erzählt Bainbridge von diesen und ihrem Lebens-„Stil“, der exotischer ist, als man sich das hier auszumalen erlaubt. Da tummeln sich lauter neureiche Ölbarone mit schlechtem Geschmack und riesigen Häusern, mit Kunstsammlungen, die uns vor Neid erbleichen, mit Ungehobeltheiten, die uns gleich wieder erröten lassen.
Die intimen Berichte aus der texanischen High Society entzücken: Opulente Empfänge, rauschende Feste, Mono- und Dialoge der Gesellschaftsdamen. Wenn die Übersetzung nur besser wäre, manche Passagen klängen so, wie Proust von seinen Herzoginnen erzählt. Angestrengt wird sich amüsiert, man legt sich lieber ein Zweitflugzeug zu als ein Zweitbuch, man findet Texas den wunderbarsten Ort der Welt, denn das Geld kommt von hier, aber das gibt man aus, um raus zu kommen.
Freie Männer
In Texas haucht einen der Geist des Wilden Westen an: Lauter freie Männer bewahren eben diese Freiheit mit Ellbogen, Schusswaffen und Selbstjustiz. In Washington sitzen ihrer Meinung nach sämtlich Kommunisten, die die armen Millionäre enteignen wollen (jetzt ja nicht mehr). Die Legalität ist deren Unterdrückungsmittel: „Die Verachtung des Gesetzes ist Teil unserer nationalen Tradition und hat sich immer am deutlichsten an der Frontier offenbart.“
Frei ist man in Texas auch von Ironie (man schätzt die Superlative mehr). Der Autor, wenn er sich ironisch gibt, winkt dann stets mit dem Zaunpfahl, um auch verstanden zu werden. Das ist für das amerikanische Publikum angemessen, europäische Leser hingegen sehen wieder einmal ihre liebsten Vorurteile bestätigt und geben sich befremdet.
Taliban-Tendenzen
Die texanische Frömmelei hat die fundamentalistischen Muster ausgebaut, seit Bainbridge sein Buch veröffentlichte. Mit einer unerträglichen Selbstverständlichkeit machen sich heute Kreationisten in den Lehrplänen zu schaffen, der hemdsärmelige „Howdy!“-Chauvinismus hat es bis ins Weiße Haus (und nach Bagdad) gebracht, während Bush Senior von Bainbridge noch als junger Emporkömmling belacht wird.
Diese Taliban-Tendenzen verdunkeln die Sonnenseiten des Konservativismus, wie der Rezensent sie als Texas-Reisender erlebt: Eine ausgeprägte und herzliche Höflichkeit ohne alles Mechanische des „customer service“, beste Manieren der alten Schule, überhaupt eine schöne Ernsthaftigkeit in Dingen des Umgangs.
Google-Syntax
Bainbridges Buch ist zwar nicht mehr auf dem neuesten Stand, aktuell bleibt es trotzdem. Wer Amerikas Rolle in der Welt verstehen will, muss zuerst Amerikas Selbstverständnis (und das von Texas!) verstehen. Unterhaltsamer als mit diesen „Super-Amerikanern“ dürfte das schwer gelingen. Ein Genuss!
Das kann man von der Leistung des Herausgebers und Übersetzers nicht behaupten. Als Herausgeber hat Bernd Brunner immerhin eine sinnvolle Auswahl aus dem umfangreichen Original getroffen, als Übersetzer jedoch ist ihm fast alles misslungen.
Die Übersetzung ist nachlässig; Brunner hat offenbar stets die im Wörterbuch zuerst aufgeführte Wortbedeutung gewählt, oder aber einfach Google benutzt. Danach klingen auch seine hölzernen syntaktischen Konstruktionen, die sich gar nicht erst die Mühe machen, den englischen in den deutschen Satzbau zu übertragen.
Brunner hat sich auch die Arbeit gespart, die amerikanischen Maßeinheiten ins metrische System zu übertragen. Man muss dann schon mit Hilfe der Tabelle des Anhangs umrechnen. Schwerer wiegt, dass die Dollar-Angaben von 1961 nicht dem Wert des heutigen Dollars entsprechen. Kein Hinweis des Herausgebers hilft dem Leser, sich darüber zu orientieren.
Mitunter hat es aber auch Vorzüge, das Englische halbverdaut stehen zu lassen; so erfährt der deutsche Leser, dass die intellektuellen Amerikaner sich nicht nur der hinlänglich bekannten deutschen Worte „kindergarten“ und „blitzkrieg“ bedienen, sondern eben auch „wanderlust“ und „kulturkampf“.
Bernd Draser
John Bainbridge: Die Superamerikaner. Fremder Stern Texas. Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Bernd Brunner. Transit Verlag Berlin 2004. 180 Seiten, ¤ 16,80.
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