M.Bauer/J.Wickert: Vorwärts immer...
12.05.2004
Bilder aus 12 Jahren deutscher Einheit
Im Herbst 1990, dem Jahr der so genannten Wiedervereinigung, ist die ehemalige DDR für die meisten Westdeutschen ein weitgehend unbekanntes Land. Würde es gelingen, den Osten „in wenigen Jahren in blühende Landschaften“ verwandeln, wie Kanzler Helmut Kohl damals versprach? Jo Wickert und Moritz Bauer geben mit ihrer Fotoreportage eine Antwort darauf.
Ein Motiv, zwei Ansichten - das ist das Prinzip dieses Fotobands. Links das Foto, das im März 1991 aufgenommen wurde, rechts exakt dasselbe Motiv im März 2003. Jo Wickert und Moritz Bauer fotografierten nicht nur einzelne Gebäude, Sehenswürdigkeiten und zentrale Plätze, sondern auch zahlreiche Details, die – wie sie damals meinten – bald verschwinden oder stark verändert würden. Um sicher zu stellen, dass sie jeden Ort wieder erkennen und aus derselben Perspektive fotografieren können, haben sie ein GPS benutzt. Mit gutem Grund, wie sich an vielen Orten zeigt!
Umbau statt Aufbau?
„Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ hatte Erich Honecker bei seiner Festansprache zum 40. Jahrestag der DDR im Herbst 1989 zuversichtlich in die Zukunft geblickt, obwohl zur gleichen Zeit in Leipzig die Montagsdemonstrationen immer mehr Zulauf bekommen und bereits tausende DDR-Bürger über die deutsche Botschaft in Prag in den Westen geflohen waren. Und Helmut Kohl? Hat er ein Jahr später nicht ähnlich blauäugig in die Zukunft geblickt? Nach den ersten Jahren der „Abwicklung“ und einem Wirtschaftsaufschwung im Westen ist längst Nüchternheit eingekehrt. Auch die Bilder dieses Foto-Buches sprechen eine deutliche Sprache. Baulücken wurden geschlossen, eine Altbau-Häuserzeile ist top-renoviert und beherbergt Antiqutäten-Läden, ein nüchterner Plattenbau-Block hat eine gefälligere Fassade erhalten. Doch der Spielplatz davor ist einer Rasenfläche und einem Parkplatz gewichen. Ein Zufall? Während die Dresdener Frauenkirche wieder aufgebaut wird, sind ein Lenin-Denkmal und eine Gedenkstätte für den spanischen Sozialisten Julian Grimau spurlos verschwunden. In Schkopau, wo Plaste und Elaste hergestellt wurde, befindet sich heute ein Chemie-Besucherzentrum vor gähnender Leere – die Fabrik-Anlagen sind weg, die Fabrik-Leuchtreklame natürlich auch!
Brüchige Fassaden
Manchen Bildern sieht man auf den ersten Blick nicht an, wann sie aufgenommen wurden, so wenig hat sich verändert. Und wenn, dann ist der Verfall in 12 Jahren oft nur noch weiter vorangeschritten. Rückwärts nimmer? Vieles verfällt, vieles verschwindet, oft nicht aus ideologischen, sondern wirtschaftlichen Gründen: Wenn z.B. in Magdeburg am Hammerstein im Jahr 1991 Güterwaggons zu sehen sind und sich 2003 an gleicher Stelle eine Industriebrache befindet, möchte man am hoffen, die Autoren hätten sich bei der Zuordnung der Jahreszahlen geirrt. Was dieses Buch so betrachtenswert macht, ist die leise Ironie und der Funken Hoffnung, der in vielen Bildern mitschwingt. So trägt ein Schaufenster von 1991 die Aufschrift „Diese Verkaufsstelle bleibt geschlossen!“ Im Jahr 2003 ist sie tatsächlich geschlossen, doch diesmal mit einem Anschlag im Schaufenster, der für Kreativ-Tage wirbt – Vorwärts immer!
Birgit Kuhn
Moritz Bauer / Jo Wickert: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. 4000 Tage BRD. Nicolai'sche Verlagsbuchhandlung. 14,90 Euro. ISBN 3894791314