Klaus Theweleit: Tor zur Welt
28.05.2004
Ist Fußball mehr als unser Leben?
Mit dem Buch Tor zur Welt versucht Klaus Theweleit uns den Zusammenhang zwischen dem Fußballspiel an sich und dem gesellschaftlichen Sein und Treiben näher zu bringen. Ist Fußball ein philosophisches Modell oder „nur“ schlichtes Abbild von irgendetwas?
Der Autor bedient sich bei seinen Ausführungen der natürlichen Werkzeuge eines Philosophen, nämlich denen der Mathematik. Dabei folgt er seinem Leitmotiv, dem Netz, er verwebt zusehends die lineare Algebra seiner Jugend (Listen und Ergebnisse) mit den komplexen Spielzügen der großen Mannschaften unter größeren Trainern (Matrix), bis hin zum komplexen Gleichungssystem mit mehreren Unbekannten. In der Analyse ist er jedenfalls bestrebt, den Großteil der im Raume stehenden Determinanten aus seiner Sicht klärend zu benennen.
Die offen ausgesprochene Kritik am Pop-Pfad des ernsthaften und scheinbar modernen Sportjournalismus, sei es in der „Tagespresse“ oder bei der Buchdeckel füllenden Zunft, führt dieses Buch auf einen seltsamen Weg. Der mehr oder minder geneigte Leser fragt sich inständigst, ob diese Buckelpiste des autoironisierenden Ansatzes vom Autor freiwillig oder ungewollt arrangiert worden ist.
Eigentlich gibt es nur zwei Arten von Fußballbüchern: Zum einen sind es Jungsbücher (Vereinshistoriken, Almanache und das Sondergenre des lustigen und crediblen „Hooliganbuch“), zum anderen gibt’s da auch noch die Jungs&Mädchen-Bücher, also Bücher, die scheinbar dazu taugen, in der hippen Kaffee-Location offensiv am Tresen gelesen zu werden und die gegebenenfalls schwermütig stöhnend aus der Hand gelegt werden können, um die Möglichkeit zu weltgewandtem Diskurs zu eröffnen.
Kein Ergebnis gibt es nicht!
Aus der inneren Aversion gegenüber dem Aspekt der ultimativen Entscheidung, auf die ja jedes Fußballspiel abzielt, entsagt sich Theweleit auch diesem bei der von ihm gewählten Form des Fußballbuches: Quasi unentschieden eiert der Text bemüht sinnstiftend um scheinbare Geheimdetails herum; Die eigene Fan-Sozialisation wird mit viel philosophischem Beiwerk belegt, dem profanen Fußballfan erschließt sich aber leider nicht, ob das nun „nur so“ gemacht wird, oder ob dieser gesamte theoretische Hintergrund ein weiterführendes, mittelfristiges Ziel verfolgt. Theweleits „Goal“ bleibt schemenhaft wie Flutlichtmasten im Abendnebel: Im großen Zusammenhang erfüllt seine Philosophie ihren Zweck, auf einem Verbandsligaground ist der Wirkungsgrad nicht nur subjektiv zweifelhaft. Theweleit beobachtet genau und legt in der Tat Elemente offen, die ihre Entsprechung im System Gesellschaft/Fußball haben, nur sind eben diese altbekannt, wenn man sich nur ein wenig mehr als der Durchschnittsrezipient mit „Fußball“ beschäftigt. Es bedarf keiner großen, theoretisierenden Ansätze, um die Allgemeingültigkeit des „Fußballs“ zu begreifen, es bedarf nur der intensiven Betrachtung eines Mikrokosmos, eventuell nimmt man noch einen zweiten dazu...
Fußball ist kein Modell, Fußball ist Realität!
Die zunehmende kommerzielle Verwertung ist aus Fansicht weit aus mehr als nur ein side-effect, an dem sich Medien-Theoretiker erfreuen können. So sind etwa die Repressions-Taktiken der Verfolgungsbehörden im Kontext „Fußball“ von einer Qualität, die im Zusammenhang „9/11“ in der Tat ironisch erscheint. Dateien ohne rechtliche Grundlagen, Bewegungsbilder möglicher Gefährder und Einschränkungen der Grundrechte waren schon vor besagtem Ereignis Realität, nämlich die Realität, die der Fan ganz praktisch erlebt hat.
Und dieser kleine gedankliche Haken beeinflusst die Haltung des lesenden Fans zum vorliegenden Buch, es gibt sich zu sehr wissend, es ist zu stark, es ist nicht schwach, nicht profan und nicht einfach. Das Buch gibt dem Leser nicht die Chance, die emotionale Gleichrichtung zu betreiben, seltsamerweise öffnet es kaum das eigene Herz, bedingt nur den geistigen Horizont. Ein lesenswertes Buch vielleicht für Philosophie- oder Soziologie- nicht aber für Fußball-afficinados. Bestenfalls ein Unentschieden der ansehnlicheren Sorte.
Thomas Pundrich
Klaus Theweleit: Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell Kiepenheuer & Witsch 2004. Taschenbuch. 234 Seiten. 8,90 Euro. ISBN 3-462-03393-X
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