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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:15

 

Hanns Leske: Erich Mielke und das runde Leder

28.05.2004

 

Schwer bekömmlich


Stellenweise liest sich Leskes Darstellung spannend und aufschlussreich wie ein Politthriller. Das Problem ist nur, dass die Überfülle von Fakten und Zitaten den Leser fast erdrückt.

 

Das oft beschworene “Weltniveau” hat die verblichene DDR eigentlich nur im Sport erreicht. In vielen Sportarten war der zweite deutsche Staat Spitze. Das hohe Leistungsniveau war das Resultat von gezielter Förderung und systematischem Doping. Bei der populärsten Sportart Fußball wollte sich allerdings der große internationale Durchbruch nicht einstellen, weder auf der Ebene der Vereinsmannschaften noch der Nationalmannschaft. Der Sieg bei der WM 1974 gegen den späteren Weltmeister BRD war ein einmaliger Ausrutscher nach oben, danach kehrte wieder der wenig berauschende Alltag in der Fußball-Provinz DDR ein.

In einer Dissertation hat Hanns Leske, der fast zehn Jahre lang der SPD-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung von Berlin vorstand, die Einmischung der SED in den DDR-Fußballbetrieb gründlich aufgearbeitet. Es ist die kaum glaubliche Geschichte der ständigen Einflussnahme, der Bespitzelung, der Drangsalierung, der Manipulation. Hauptverantwortlich für diesen massiven staatlichen Zugriff auf den Fußball war Erich Mielke, der scheinbar allmächtige Chef des Staatssicherheitsdienstes. Mielke, dessen Werdegang und Charakter breit ausgemalt wird, hielt sich mit FC Dynamo Berlin sogar eine Art Privatclub, dessen Spitzenstellung er nach allen Kräften mit seinen ganz spezifischen Mitteln förderte. Fußball, das war für den Stalinisten die Fortsetzung des Klassenkampfs mit anderen Mitteln.

Wie weit er dabei er ging, zeigt exemplarisch der Fall des Dynamo-Spieler Lutz Eigendorf, der sich 1979 in die Bundesrepublik absetzte. Gnadenlos setzte Mielke seine Spitzel und seine Schergen auf den “Verräter” und dessen Angehörige an. Im März 1983 kam Eigendorf bei einem Autounfall ums Leben. Der Verdacht, dass die Stasi ihre Hand im Spiel hatte, ist wohl fundiert.

Stellenweise liest sich Leskes Darstellung spannend und aufschlussreich wie ein Politthriller. Das Problem ist nur, dass die Überfülle von Fakten und Zitaten den Leser fast erdrückt. Eine Dissertation ist nun mal per se schwere Kost und der Verlag hat viel zu wenig dazu getan, Leskes breite Ausführungen schlanker und bekömmlicher zu machen.

So dürfte der Interessentenkreis für dieses dicke, allzu dicke Buch, das ein wirksames Mittel gegen jede Form von Sport-Ostalgie sein könnte, von vorneherein beschränkt sein. Schade drum!

Peter Kohl


Hanns Leske: Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder.
Verlag Die Werkstatt.
Gebunden. 640 Seiten. 38 Euro.
ISBN: : 3-89533-448-0

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