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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:15

 

Christiane Eisenberg u.a.: 100 Jahre Weltfussball

28.05.2004

 

Über zwei kg Fußballgeschichte

Der Jubiläumsband zum 100jährigen Bestehen der FIFA bietet Masse und Klasse.


 

Am 21.-23. Mai 1904 wurde in Paris der Weltfußballverband Federation Internationale de Football Association, kurz: FIFA gegründet. Vier international renommierte Historiker haben sich aus diesem Anlass in vierjähriger Arbeit daran gemacht, die Geschichte des organisierten Weltfußballs aufzuarbeiten und -bereiten. Das Ergebnis ist alles andere als akademisch trockene Kost, sondern wahrlich reichhaltige und prächtig dargebotene Information zur Entwicklung des Spiels der Spiele.

Im Vorwort der Autoren erfahren wie, dass die Initiative für dieses mächtige Projekt von der FIFA selbst ausging. Dies lässt den Leser unweigerlich befürchten, es hier mit einer reinen Feier- und Jubelschrift zu tun zu haben, einem wenig spannenden PR-Produkt also. Auch der sogleich nachgeschobene Hinweis, dass sich die FIFA bei der Bereitstellung der umfangreichen Archive außerordentlich kooperativ zeigte und auf jegliche inhaltliche Einflussnahme verzichtete, konnte die Skepsis nur schwach mildern.
Eine Skepsis, die natürlich auf dem sehr ramponierten Image fußt, das die FIFA sich auch gerade wieder in jüngerer Vergangenheit unter der Präsidentschaft Sepp Blatters erworben hat. Endlose interne politische Machtspiele – wie zuletzt die peinliche Posse um die leidige Bestrafungsaktion gegen Kameruns eigenwillige Trikotmode – bis hin zu massiven Korruptionsvorwürfen bei der Präsidentenwahl trugen hierzu ebenso bei wie die in letzter Zeit zunehmenden, reichlich bürokratisch anmutenden Vorschläge und Beschlüsse zur Änderung des Regelwerks - exemplarisch sei hier nur die Einführung des Golden Goal und dessen baldige Umwandlung in das Silver Goal genannt.

Aber die Erleichterung folgt auf dem Fuße.

Denn zum einen bewahren sich die AutorInnen tatsächlich eine sehr eigenständige, kritische und sich der Sache engagiert annehmende Sichtweise. Gerade die Kollisionen mit der Politik (im Kapitel Herausforderungen der Politik) lesen sich äußerst spannend, wenn etwa an die von vielen Protesten begleitete Durchführung der WM 1978 im zwei Jahre zuvor geputschten Argentinien erinnert wird, oder das nicht stattfindende WM-Qualifikationsspiel im Jahre 1973 zwischen der Sowjetunion und Chile im Nationalstadion zu Santiago de Chile, das zu dieser Zeit als Gefangenenlager und Folterstätte von Allende-Anhängern missbraucht wurde. Trotz starken internationalen Protests bestand die FIFA damals auf der Austragung des Spiels an geplanter Stätte, die Sowjetunion bestand auf ihrer Weigerung, was schließlich zur Disqualifikation und Nicht-Teilnahme an der WM 1974 führte (Wer sich ausschließlich für die dunklen Kapitel der FIFA-Geschichte interessiert, der sei auf David A. Yallops Abrechnung Wie das Spiel verlorenging verwiesen).

Zum zweiten geht das Buch inhaltlich weit über eine chronologisch-geschichtliche Abhandlung hinaus. Es beleuchtet die Entwicklung des Weltfußballs aus vielen Blickwinkeln und in vielen Facetten – Kapitelnamen wie Fussball in Bildender Kunst, Literatur und Film, Medien und Fußball oder Die FIFA und die Kommerzialisierung des Fussballs deuten dies bereits an. Trotz des formalen äußeren Anlasses des Buches – die Institution FIFA wird 100 – steht nicht die Organisation, sondern ihr Handlungsfeld, nämlich der Fußball im globalen Maßstab im Mittelpunkt des Interesses.

Und drittens – ganz wesentlich – bietet das Buch einfach jede Menge Ästhetik und Originalität in der Auswahl und der Platzierung der großzügigen Bebilderung. Somit wird dem originären Reiz des Spiels gebührend Rechnung getragen und seine vielfältige Ausprägung zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten überzeugend visualisiert. So schlicht schwarzdominiert der äußere Einband ist, so bunt und fesselnd gestaltet sind die inneren Umschlagseiten: auf bestechend einfach und treffende Weise wird hier die universelle Präsenz des Fußballs durch die Abbildung von 48 meist mehr oder minder improvisierten „Tor-Konstruktionen“ aus aller Welt dokumentiert.
Uneingeschränkte Gratulation den Machern dieses gelungenen Werks !

Anselm Brakhage


Christiane Eisenberg, Pierre Lanfranchi, Tony Mason, Alfred Wahl: FIFA 1904 – 2004. 100 Jahre Weltfußball
Verlag Die Werkstatt 2004
Gebunden. 314 Seiten. 39,90 Euro.
ISBN 3-89533-442-1

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