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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:16

 

R. Barth / G. Di Grazia: Die 10 - Magier des Fußballs

28.05.2004

 

Die postmoderne Sehnsucht nach dem tragischen Helden

Wahrscheinlich eines der essentiellsten Fußballbücher aller Zeiten.


 

In letzter Zeit kann man verstärkt beobachten, wie sehr der kulturwissenschaftliche Diskurs in Deutschland den Fussball als ‚Text’ mit einbezieht. Nachdem verschiedene kleinere Publikationen wie beispielsweise „Warum Fußball?“, herausgegeben vom Mainzer Literaturwissenschaftler Matías Martinez, sich Aspekten der Fußballlinguistik, andere wiederum soziologischen Deutungen des Fanseins widmeten, gerät in letzter Zeit vor allem die analytische Lesart des Spiels in den Mittelpunkt des Interesses.

Nun ist „Die 10“ kein wissenschaftliches Werk, sondern arbeitet vielmehr mit der ironischen Subtilität und dem nie versteckten historizistischen Pathos, der schon die Zeitschrift 11 Freunde in den letzten Jahren zu einer beflügelnden Lektüre gemacht hat. Historizität im Sport als kulturellen Text kannte man bisher nur aus den USA und ihren Baseball-Mythen; selbst das in letzter Zeit etwas überstrapazierte ‚Wunder von Bern’ schien mehr der Methodik der literarischen Kahlschlagtheorie zuzuarbeiten, denn ein in sich selbst begründeter Mythos zu sein (was Sönke Wortmanns Film eindrucksvoll beweist, traut sich der Regisseur doch nicht, das Wunder anhand des sportlichen Heroismus wirken zu lassen, sondern fügt die sentimentalistische ‚menschliche’ Variante als Sicherheitsnetz hinzu). Aber all das scheint sich langsam zu ändern.

Meine Theorie zu diesem ‚mythological turn’ lautet wie folgt: Seit Olli Kahn im Finale den Status eines tragischen Helden nicht nur in der Welt des Reporterjargons, sondern auch in einer Fallhöhe, die jeglichem aristotelischen Tragikbegriff genügt, erlebt hat, macht man sich auch hierzulande Gedanken darüber, welche kulturelle Bedeutung es denn nun tatsächlich hat, dass Günther Netzer sich im Pokalfinale seinerseits selbst eingewechselt hat und das entscheidende Tor erzielte.

„Die 10“ erfüllt die postmoderne Sehnsucht nach dem tragischen Helden, der Künstler sein muss (und daher nicht die 6 tragen kann) und meist an seiner Genialität auf dem Platz (Netzer) und im Leben (Maradona) scheitert. Und erklärt auch äußerst plausibel, warum gerade ein fränkisches Plappermaul die Ära der 10 als mythische Figur beendete und ein neues Zeitalter einleitete. Wahrscheinlich eines der essentiellsten Fußballbücher aller Zeiten.

Sascha Seiler


Rüdiger Barth / Giuseppe Di Grazia: Die 10 – Magier des Fußballs
Malik 2004.
Gebunden. 239 Seiten. 16,90 Euro.
ISBN: 3-89029-277-1

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