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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:16

 

Michael Tetzlaff: Ostblöckchen

28.05.2004

 
Nicht viel Neues aus der Zone

Die zum Teil schon als Kolumnen in der Frankfurter Rundschau veröffentlichten Texte von Michael Tetzlaff geben einen betont lässigen Einblick in den Alltag der ehemaligen DDR.

 

Es mag sein, dass die in dem Band Ostblöckchen versammelten Kolumnen prima funktionieren, wenn sie die Leser der „Frankfurter Rundschau“ etwa bei der U-Bahn-Fahrt durch die Frankfurter City oder beim Bahn-Pendeln zwischen Marburg und Gießen begleiten. Sie mögen dann so manches Schmunzeln hervorrufen und vielleicht gerade bei ehemaligen Ostzonenbewohnern wenn auch nicht ein „Aber schön war es doch“, so doch ein „Ach ja, das gab es ja auch mal“ hervorrufen. Man kann daher dem geneigten Käufer denn auch nur empfehlen, das Buch verteilt über mehrere Tage und Strecken zu lesen, denn Stil und Humor drohen sich schnell abzunutzen, wenn man einige der Texte hintereinander wegliest. Nein, ich glaube nicht, dass die hier vorgetragene sehr gebremste Begeisterung ihre Ursache darin hat, dass der geschenkebringende „Westbesuch“ von Michael Tetzlaff wiederholt als „blöd“ und „langweilig“ bezeichnet wird und diese Wertung mir in rückwirkender Solidarisierung mit jenen (selbstgefälligen) Westlern den gerechten Blick verstellt. Eher liegt es an der Hartnäckigkeit, mit der derartige Feststellungen wenig variiert wiederholt zum Thema werden, was dann im direkten Vergleich der Texte – und dieser ist ja im Gegensatz zum einzelnen Abdruck in einer Zeitung leicht möglich – wiederum zeigt, wie wenig originell manche Kolumne ausfällt.

Was ist Ostalgie?

Das Buch bietet einmal mehr Anlass zum Nachdenken über die Frage, was eigentlich „Ostalgie“ ist – im Klappentext heißt es, Michael Tetzlaff schreibe „Geschichten, ohne in die vielzitierte Ostalgie zu versinken“.
In der freien Enzyklopädie „Wikipedia“ beispielsweise heißt es zu „Ostalgie“ u. a.:
„Die Rückbesinnung auf Dinge aus dem Alltagsleben in der ehemaligen DDR bezeichnet man als Ostalgie (ein Wortspiel aus: Osten und Nostalgie).
Der Begriff wird an sich ohne feste positive oder negative Konnotation verwendet. Manche Ostalgiker empfinden es aber als abwertend, wenn ihre Ansicht so bezeichnet wird. Die Ostalgie wurde unter anderem durch einen Identitätsverlust im nordöstlichen Bundesgebiet nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten ausgelöst. Das Maskottchen der Ostalgiker ist das Ampelmännchen.

Ein typisches Beispiel für Ostalgie sind die sogenannten Ostalgie-Partys, auf welchen Erich-Honecker-Doubles auftreten, DDR-Musiktitel gehört und DDR-typische Lebensmittel verzehrt werden (z.B. Club Cola). Träger von FDJ-Hemden kommen oft vergünstigt oder kostenlos auf diese Partys. Außerhalb solcher Veranstaltungen macht sich Ostalgie z.B. im Fahren eines Trabbis, im Hören von DDR-Musik oder im Tragen von Kleidungsstücken mit DDR-Motiven bemerkbar.

Bei der Ostalgiewelle handelt es sich um eine reine Lebensart-Angelegenheit, wobei die politischen und gesellschaftlichen Besonderheiten der DDR nahezu ausgeblendet werden. Ostalgie hat jedoch auch eine kommerzielle Komponente: So verkaufen sich offenbar im Osten Ost-Produkte gut, und auch mit den alten Musikaufnahmen, deren Verwertungsrechte heute größtenteils bei der BMG liegen, läßt sich Geld machen, so lange die Nachfrage stimmt. So macht sich der Trend zur Ostalgie inzwischen auch in den Massenmedien bemerkbar, zum Beispiel in der Ostshow, der Ostalgie-Show oder in Die große DDR-Show.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Ostalgie)

Verdauliche Häppchen DDR-Kost

Zwar wurde in diesem Artikel eindeutig die Literatur vergessen, doch kann man sie problemlos zu den anderen genannten Formen ergänzen, in denen die Ostalgie zum Ausdruck kommt. Wir werden sie als Phänomen unpolitisch-flapsiger Auseinandersetzung so lange ertragen müssen, wie sie sich verkauft. Auch die vorliegende Sammlung der in Häppchen zerlegten DDR-Historie ist leicht verdaulich, die Texte von Michael Tetzlaff erwecken den Eindruck, dass sie zumeist witzig-ironisch und unterhaltsam sein wollen, ohne „störend“ zu hinterfragen, wenn sie auch nicht als „platt“ zu bezeichnen sind. Nicht dass hier etwa einer pseudointellektuellen Analyse, die die Literatur zu erfüllen hätte und die den Spaß ausbremst, das Wort geredet werden soll. Doch etwas mehr Tiefgang wäre leicht und wie ich meine gewinnbringend möglich. Man meint zu spüren, dass Tetzlaff dafür eigentlich das Potenzial hätte und dass er dem nicht nachgekommen ist, das ist schade.

„Für die DDR war das Jahr 1973 ein ruhmreiches: Zum ersten Mal wurde der 'Tag des Bauarbeiters' gefeiert, in Berlin eröffnete das erste Jugendhotel, der Grundstein für den Palast der Republik wurde gelegt, Walter Ulbricht starb – und ich kam zur Welt. Was nicht selbstverständlich war. Als der Samen meines Vaters auf die Eizelle meiner Mutter traf, ging das nicht ohne Komplikationen vonstatten: Mein Vater hatte sich an Bratkartoffeln übergessen. Allein dem guten Einfluss des Ostseeklimas war es zu verdanken, dass es zu einem Techtelmechtel von Samen und Zelle kam.“

Olaf Selg


Michael Tetzlaff: Ostblöckchen. Neues aus der Zone. 38 Kolumnen. Schöffling & Co. 2004.
164 Seiten. 14,90 Euro.
ISBN 3-89561-335-5

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