René Martens: Scheiß-Fußball!
29.05.2004
Mehr sein wollen
Der Fußballkenner René Martens bietet vorzügliche Unterhaltung und erhellende Einblicke beim Streifzug durch die vielen, oft betrüblichen Facetten des zeitgenössischen Fußball-Geschäfts.
Übertroffene Erwartungen sind immer etwas Schönes. Der deftige Titel und das Cover mit dem heulsuselnden Andreas Möller ließen eher eine weitere Zitaten-Sammlung mit rhetorischen Geistesblitzen von Vertretern der kickenden Zunft vermuten – eine durchaus vergnügliche Idee im Übrigen, die aber spätestens beim dritten Aufguss ihren Reiz verloren hat. Aber René Martens hat einiges mehr zu bieten.
Ja, Scheiß-Fußball, das denken nicht nur von Fußballnarren vernachlässigte Ehefrauen; das denken auch viele Fußballnarren selbst, wenn sie etwas denken. Und das zu Recht, wie auch der vorliegende Band aus der Reihe Eichborns schräge Bücher in mannigfacher Weise belegt. Martens nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er spitzzüngig und mit stets feiner Ironie von den Perversionen des Fußballs im 21. Jahrhundert plaudert; und die Perversionen enden ja keineswegs bei den hinlänglich bekannten Phänomenen exorbitanter Spielergehälter oder der Vermarktungsorgien um einen David Beckham.
Martens ist ein exzellenter Kenner des Fußballcircus’ – eben auch und gerade hinter den Kulissen. Seien es die mafiosen Strukturen und halbseidenen bis kriminellen Machenschaften im großen Stil oder seien es die feinen Pikanterien im unterklassigen Amateurfußball – hier bleibt niemand ungeschoren. Auch nicht die Fans, für die dieses Buch geschrieben ist und zu deren Zugehörigkeit sich der Autor bekennt:
„Schuld sind aber nicht nur allein die sinistren Paten aus Wirtschaft, Politik und Fernsehen, die das Spiel gestohlen und an sich gerissen haben. Wir können unseren Frust auch nicht nur auf sehbehinderte Schiris und die Architekten der modernen Mega-Arenen schieben. Die Bösen sind auch unter uns, und sie sind nicht gerade leiser geworden in den letzten Jahren. Umso wichtiger, einmal zusammenzufassen, was wir an uns nicht ausstehen können. Gewiss, es war ein dirty job – aber irgendjemand musste ihn ja machen“, so die Einleitung zum 8. Kapitel Scheiß-Fans.
Aber nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Dieser Autor verflucht den Fußball nicht. Ganz im Gegenteil: er liebt ihn, hingebungsvoll, mitsamt aller seiner Auswüchse - der Untertitel Was echte Fans so richtig ärgert deutet das ja auch bereits an. Und genau diese tiefe emotionale Verbundenheit des Autors zum Fußball, die auf jeder Seite zu spüren ist, gibt dem Buch die entscheidende Würze. Da ist kein besserwisserischer Schwätzer am Werk, der mit erhabenem Pathos die Untugenden geißelt, sondern einer, der weiß, wie sich Fußball anfühlt, und deswegen nicht von ihm lassen kann und will. Jede Skurrilität, jeder Skandal, jede Perversion, die den Außenstehenden sich nur angewidert abwenden lässt, führt bei Martens’ Schilderung immer ein mächtiges, wiewohl unausgesprochenes ‚Trotzdem!’ im Schlepptau, das uns durch die Zeilen zulächelt: ja, es stimmt - es wird kein Versuch unterlassen, den Fußball zu entfremden und zu entwerten. Aber es gibt da auch noch ein gesundes Fanempfinden, das alle diese Versuche tapfer überdauert und sich den Kern der Sache bewahrt.
Diese Grundhaltung ist das entscheidende Plus dieses Bandes, das es über eine brillant formulierte Anekdotensammlung und eine fundierte pointierte Abrechnung mit den unzähligen Fehlentwicklungen weit hinaushebt. Als Leser gibt es genau zwei Möglichkeiten: entweder du bist dem Fußball zugetan, dann amüsierst du dich prächtig. Oder du warst es nie oder hast ihm abgeschworen (dann warst du es nie wirklich), dann findest du hier tausendundeins Gründe, die dich in deiner Haltung bestärken. Beide Fraktionen könnten also bedient werden, aber letztgenannte nimmt das Buch wohl gar nicht erst in die Hand.
Eines der schönsten Kapitel (das sechste) widmet sich dem ausufernden Wahn beim Bau neuer Stadien, inklusive all ihrer gepriesenen Multifunktionalität vom Kongress zum Event-Tempel und mitsamt des ganzen Service-Brimboriums rund um die eigentliche Veranstaltung. Das Ende des Kapitels steht stellvertretend für den sympathischen Geist, der dieses Buch durchzieht:
„Wer mal wieder den Blues kriegt angesichts des ganzen Boheis um die neuen Arenen, in denen man auch Gourmetmenüs vertilgen kann oder Biathlon-Konzerte und Pop-Wettkämpfe zu sehen kriegt, mag sich trösten mit dem Optimismus, den der taz-Kolumnist Christoph Biermann anlässlich eines Besuchs in der Amsterdam Arena verbreitet, wo es Rolltreppen im Tribünenbereich gibt und ein Parkdeck unter dem Spielfeld. ‚Irgendwann’ werde über Fußballstadien, die mehr sein wollen als das, ‚wahrscheinlich gesprochen, wie man heute über Klappräder redet. Als Witz, der für die Verwirrungen einer bestimmten Zeit steht.’ Sein Wort in des Fußballgottes Ohr!“
Anselm Brakhage
René Martens: Scheiß-Fußball! Was echte Fans so richtig ärgert Eichborns Schräge Bücher 2003 Gebunden. 114 Seiten. 12,95 ¤. ISBN: 3-8218-4865-0
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