Rainer Moritz: Vorne fallen die Tore
05.06.2004
Reichhaltig, vielfältig
Oft auf skurrile Art und Weise lustig aber nicht zwanghaft witzig, und immer wieder überraschend: das wohl intellektuellste Fußball-Buch, das im Moment zu haben ist.
Moritz ist zwar als Berichterstatter und Moderator stets präsent, gut und gernedrei Viertel der Seiten aber füllt er mit zum Teil recht umfangreichen Zitaten zum Thema. Das Wort erhalten Philosophen, Stürmer, Abwehrspieler, Lyriker, Literatur-Nobelpreisträger, Krimiautoren und sonstige Schriftsteller, Schiedsrichter, Soziologen, Sport-, Ernährungs- und Sprachwissenschaftler, Psychologen, Päpste, Reporter, Schauspieler und viele andere mehr. Sie tragen Namen wie Sokrates, Uli Stein, Nikolaus von Kues, Jörg Fauser, Franz Kafka, Javier Marias, Ror Wolf, Lothar Mathäus, Rainer Maria Rilke, Jean-Paul Sartre, Julian Barnes, Per Olof Enquist und Bernd Hölzenbein.
Die Beiträge sind in eine chronologische Reihe gebettet. Die wird aber nicht dogmatisch durchgehalten. Vielfach dienen die den Abschnitten als Überschriften vorangestellten Jahreszahlen schlicht als Stichwortgeber für lockere Assoziationsketten. Und Moritz landet plötzlich irgendwo, wo es keinen direkten Bezug mehr gibt zum betreffenden Jahr. 1988 z.B.: Der UEFA-Cup-Sieg von Bayer Leverkusen aus diesem Jahr dient ihm lediglich als Verweis auf Erich Ribbeck, mit dem er sich auch nicht weiter aufhält. Er geht über zu Uli Stielike und in wenigen Zeilen ist er angekommen, wo er hinwollte: Es folgt ein ausführlicheres Zitat zum Thema Fußballtrainer und Mode.
Das Buch ist ein Fußball-Museum. Überall liegen Fundstücke herum, die die Gegenwart des Gegenstandes zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten bezeugen. Neben den unzähligen Textstellen sind das auch Gedichte, Lieder (z.T. mit Noten) und (oft sehr lustige) Abbildungen von peripheren Alltagsgegenständen der Fußballgeschichte. Die Alltagsgeschichte des Fußballs erhält deutlich Vorrang vor seiner Ruhmesgeschichte, das subjektive Erleben dominiert über das Faktische, die Peripherie über das Zentrum.
Von vielen der als besonders bedeutsam geltenden Momenten insbesondere der deutschen Fußball-Historie ist zwar auch die Rede, nicht aber von Taktik, Spielsystemen oder Ergebnisstatistiken. Zum Jahr 1954 etwa finden wir folgendes: Fritz Walters Berichte von den einzelnen WM-Spielen der deutschen Mannschaft (Auszüge), ein Photo von Max Grundig, wie er Nationalspieler Karl Mai einen Fernseher schenkt, den Schmähbrief eines enttäuschten Fans an Herberger nach dem ersten Ungarn-Spiel, Erinnerungen eines entsetzten Österreichers angesichts des Siegs der "gedrillten Roboter" gegen die ungarischen Ballkünstler, die Entschuldigung des Schmähbriefschreibers von oben, Norbert Blüms Erinnerungen an den Endspieltag (er ist 19 Jahre alt und im Zug unterwegs) und schließlich eine Abbildung der Menüliste des Bonner Hotels Bergischer Hof vom 8.7.1954, auf der dem Bundes-Innenministerium Speisen mit Spielernamen der "Helden von Bern" offeriert werden.
Reichhaltig, vielfältig, oft auf skurrile Art und Weise lustig aber nicht zwanghaft witzig, sprunghaft, immer wieder überraschend: das wohl intellektuellste Fußball-Buch, das im Moment zu haben ist. Und die letzten Zweifel an der Feststellung von Christoph Bausenwein aus dem ersten Zitat des Buches sollten jetzt auch ein für allemal ausgeräumt sein: "Mit einer gewissen Verwegenheit kann behauptet werden, dass der Fußball deswegen so viele Menschen begeistert, weil er schlicht und einfach das beste aller Spiele ist ..."
Holger Schwab
Rainer Moritz: Vorne fallen die Tore. Fußball- Geschichten von Sokrates bis Rudi Völler. A. Kunstmann Verlag 2002. Kartoniert. 295 Seiten. 16,90 Euro. ISBN: 3-88897-356-2
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