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C. Biermann: Der Ball ist rund...

05.06.2004

 
Lehrreich und unterhaltsam

Weil nicht trocken doziert wird, sondern immer aufs Neue auf konkrete Spieler, Trainer, Spiel- oder Meisterschafts-Situationen Bezug genommen und - ganz nebenbei - auch noch so manch nette Anekdote oder interessante persönliche Einschätzung der Autoren zum Besten gegeben wird, liest sich dieses Buch sehr schön.

 

Absolut treffend gewählt ist der Titel bei Ulrich Fuchs und Christoph Biermann. „Der Ball ist rund, damit das Richtung seine Richtung ändern kann“ hilft tatsächlich, besser zu verstehen „wie moderner Fußball funktioniert“ (Untertitel).
Die Autoren begreifen ihr Buch als „Sehhilfe für den heutigen Fußball“. Beschrieben wird aber nicht nur der Status Quo (Viererkette, ballorientierte Gegnerdeckung, Pressing), sondern auch und vor allem sein sporthistorischer Hintergrund. Man erkennt: Der Ball hat tatsächlich ziemlich oft seine Richtung gewechselt seit der ersten Niederschrift von Fußball-Regeln 1863 bis heute.
Fußball-Geschichte ist hier in erster Linie Taktik-Geschichte. Große Teile des Buches kreisen um Fragen wie: Wie verteilen sich die Spieler auf dem Feld und warum stellen sie sich bzw. rennen sie auch in unterschiedlichen, zeitlich nach- oder nebeneinander existierenden Spielsystemen/taktischen Grundausrichtungen) genau dort und nicht woanders hin? Und warum und auf welche Weise wird, was gerade noch den meisten Erfolg einbrachte, zu Beginn taktik-historischer Umbrüche plötzlich über den Haufen geworfen?

Das klingt zunächst mal nicht ganz so spannend, eher nach Lehrbuch. Aber abgesehen davon, dass gleich sieben Bundesliga-Trainer auf dem Klappentext lobende Worte für das Buch finden (Ottmar Hitzfeld auch im Vorwort), es 20 „Trainer-Tafel-mäßige“ Abbildungen aufweist und offenbar tatsächlich in der Fußballlehrer-Ausbildung eingesetzt wird, liest es sich schön - auch für den nicht professionell an Fußball Interessierten. Weil nicht trocken doziert wird, sondern immer aufs Neue auf konkrete Spieler, Trainer, Spiel- oder Meisterschafts-Situationen Bezug genommen und - ganz nebenbei - auch noch so manch nette Anekdote oder interessante persönliche Einschätzung der Autoren zum Besten gegeben wird.

In seinen ersten Jahren durchschreitet der Fußball eine Evolution, die der Entwicklung eines Kindes, das anfängt gegen den Ball zu treten, zum Verwechseln ähnlich ist: vom Schießen übers Dribbling zum Passspiel. Erst jetzt fängt man an, sich über Spielsysteme Gedanken zu machen - das 1-2-7-System beginnt, das naive 1-0-9-System zu verdrängen, welches darauf durch das 2-2-6-System, den Vorläufer des 2-3-5-Systems, unter Druck gerät. Der Fußball, wie wir ihn heute kennen aber, beginnt erst mit der Einführung der neuen Abseitsregel (es genügen jetzt zwei statt der vorher notwendigen drei Abwehrspieler vor dem vordersten Angreifer zum Vermeiden des Abseits-Pfiffes) im Jahr 1925 – und zwar erst auf Druck der um die Zuschauerzahlen besorgten englischen Profivereine (die frühe Kommerzialisierung des Sports war hier also durchaus segensreich.).

Schon sehr früh gibt es Kontroversen, ob vorrangig individuelle Spielkunst oder Taktik verantwortlich ist für Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft. Der Begriff des Spiel-Stils beginnt mit dem des Systems zu konkurrieren. Große Spieler und große Mannschaften kommen und gehen. Die zunehmende Fitness der Spieler macht das Spielfeld immer kleiner und lässt in der Konsequenz die starren Spiel-Systeme an Bedeutung verlieren. Mit dem SC Freiburg erreicht die in anderen Ligen längst heimisch gewordene „Post-System-Ära“ auch die deutsche Bundesliga und früher war keineswegs alles besser.

All das und vieles andere mehr kann erfahren, wer sich entschließt, dieses zugleich lehrreiche und unterhaltsame Buch zu lesen.

Holger Schwab

Biermann, Christoph; Fuchs, Ulrich: Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann.
Wie moderner Fußball funktioniert. Vorw. v. Ottmar Hitzfeld.
KiWi Taschenbücher 2002.
Kartoniert.190 Seiten. 8,90 Euro.
ISBN: 3-462-03124-4

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