Franz-Josef Brüggemeier: Zurück auf dem Platz
09.06.2004
Das Buch ist rund
Mal ehrlich: Nervt es Sie langsam auch, dieses „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt – Tor, Tor, Tor!!!“? Und erst die als “historische Wahrheiten“ geraunten Mutmaßungen über „Die Geburtsstunde der Bundesrepublik“ und „Das neue Selbstbewusstsein“, seit Jahrzehnten mit einer Penetranz wiederholt, als sei in Tibet eine Gebetsmühle umgefallen und außer Kontrolle geraten.
Wir wissen, was geschehen ist. Deutschland schlägt Ungarn 3:2, der David düpiert den Goliath und die gesamte Republik steht auf Bahnsteigen herum und jubelt den heimkehrenden Siegern zu. Wie wissen auch, wie es geschehen ist. In den meisten Spielen des Weltmeisterschaftsturniers schießen die Deutschen mehr Tore als ihre Gegner, und wo sie es nicht tun (ich sage nur: 3:8 gegen Ungarn in der Vorrunde!), steckt das geniale Kalkül eines ausgefuchsten Trainers dahinter. Bliebe also die leidige Frage nach den Konsequenzen. Die liegen, siehe oben, scheinbar offen zu Tage, sind jedoch – da braucht man kein Historiker zu sein – eine Spur zu offensichtlich, zu sehr Küchenpsychologie, die sich mit Milchmädchensoziologie und Über’n-Daumen-Geschichtsschreibung verbündet hat.
Franz-Josef Brüggemeier hat in einem solchen Falle das getan, was man von einem Wissenschaftler erwarten kann. Er hat die Schweizer Ereignisse analytisch rekapituliert und in einen Zusammenhang mit den Aktualitäten und Befindlichkeiten des Jahres 1954 gestellt. Das ist weder sensationell noch neu. Wir erfahren, dass Deutschland zum erstenmal seit Kriegsende in den Kreis der FIFA-Mitglieder aufgenommen wurde, was nicht ohne Enttäuschungen und Demütungen abging, das breite Publikum – schweigen wir ganz von der Intelligenzia – aber dennoch kaum interessiert hat. Andere Dinge waren wichtiger: das Wirtschaftswachstum, die Diskussion um die Wiederbewaffnung, ja, selbst der wackere Reitersmann Hans-Günter Winkler kann sich über mehr Aufmerksamkeit freuen als die Elf mit dem Adler auf der Brust.
In der Folge schildert Brüggemeier, wie sich aus dieser Quasi-Desinteressiertheit mit jedem Spiel, jedem Sieg jenes Fieber entwickelt, das schließlich im Berner Finale seinen Höhepunkt erreicht. Warum dies so sein musste und sich nach dem Sieg in einer bislang nur bei Goebbels-Reden erlebten Ekstase entlädt, erklärt Brüggemeier aus der schlichten sportlichen Faktenlage: Elf verlorene Söhne kehren heim. Unter der Regie eines trickreichen Generalfeldmarschalls und eines bereits abgeschriebenen Spielführers namens Fritz Walter erkämpfen sie sich Respekt und machen das Unmögliche wahr: Sie weisen die als „unschlagbar“ apostrophierten Lieblingssöhne der Fußballfamilie in die Schranken.
Idealer Stoff für einen Mythos. Und aus der Chronik des Jahres 1954, die uns Brüggemeier präsentiert, springen uns die Analogien zum wirklichen Leben entgegen: Heimkehr, Rehabilitation, Triumph. Doch veränderte dieser Mythos tatsächlich das Bewusstsein „der“ Deutschen? Brüggemeier spricht vorsichtig von einer „virtuellen Gemeinschaft“, die sich in dieser Situation zusammenfindet. Sie werden weder gesteuert noch sind sie sich bewusst, das konkrete Ereignis eines banalen Sporterfolges zum Sinnbild einer komplexen Geschichts- und Seelenlage zu formen. Und so schnell, wie sich diese virtuelle Gemeinschaft gefunden hat, so schnell löst sie sich wieder auf. Zurück bleibt der nackte Mythos, losgelöst von seiner Zeit, aber hartnäckig als der Schlüssel benutzt, die Geschichte der Bundesrepublik zu begreifen. Dieses Gebaren relativiert Brüggemeier auf nüchterne und unaufgeregte Art. Rahn hat aus dem Hintergrund geschossen, und das nächste Spiel war dann sowieso wieder das schwerste.
Dieter Paul Rudolph
Franz-Josef Brüggemeier: Zurück auf dem Platz. Deutschland und die Fußballweltmeisterschaft 1954. DVA 2004 Gebunden.384 Seiten. 24,90 ¤. ISBN: 3-421-05842-3
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