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Hermann Peter Piwitt: Steinzeit

09.06.2004


Nicht verfilmbar

Notate aus vierzehn Jahren von Hermann Peter Piwitt.
Piwitts Texte sind ein Plädoyer für den Widerspruch, für eine Nachdenklichkeit, die sich nicht ins Unverbindliche verabschiedet.

 

In den Jahren, in denen aufgeklärtes und aufklärerisches Denken als Tugend galten, gehörte Hermann Peter Piwitt zu den höchst geschätzten Essayisten. Seine Aufsätze vereinten in sich die literarische Qualität einer klaren und zugleich ästhetischen Sprache und die politische Qualität einer Parteinahme für die Schwachen und einer aggressiven Skepsis gegenüber den scheinbaren Selbstverständlichkeiten der Herrschenden. Mittlerweile bestimmen jene die öffentlichen Debatten, die ihren Frieden gemacht haben mit den Herrschenden wie mit deren Selbstverständlichkeiten, und um unbestechliche Leute wie Piwitt ist es still geworden. Dass ihnen die Öffentlichkeit weitgehend vorenthalten wird, hat zu der Fehleinschätzung geführt, es existierten solche Leute nicht mehr. Zugegeben: ihre Zahl ist geschrumpft, manche haben resigniert, manche sind verstummt, aber sie leben noch, und ihre Flaschenpost, so darf man hoffen, wird von einer Nachwelt gewürdigt werden, die dann jenen den Marsch bläst, die sich heute auf der Siegerseite wähnen, weil sie die krummen Wege historischer Entwicklungen missachten.

Schuss ins Zentrum

Nun hat sich Hermann Peter Piwitt mit einem schmalen Bändchen zurückgemeldet, das zudem in einem Kleinverlag erschienen ist, den Redakteure und Bestenlistenjuroren in der Regel nicht wahrnehmen. Der Untertitel kündigt „Notate“ an, und genau das enthält das Buch: kurze, blendend formulierte Anmerkungen zum Tage, zur Lektüre – von Zeitungen wie von Literatur –, zur politischen Lage, ausführlicher auch zum Begriff „Heimat“ oder zu Rolf Dieter Brinkmann. Aus dem „Apropos“ ergibt sich das Grundsätzliche, aus dem Beiläufigen der Schuss ins Zentrum. Und ob man Piwitt zustimmt oder ihm widersprechen möchte: stets trifft er einen Punkt, der zumindest Aufmerksamkeit verdient. Man lächelt, wenn man wiedererkennt, was bislang bloß – jedenfalls so elegant – nicht formuliert wurde, man wird grüblerisch, wenn man sich eingestehen muss, dass man übersehen hat, was einem doch hätte auffallen müssen.

Piwitt ist ein Radikaler geblieben. Er macht sich an die Wurzeln, und die kompromisslerische Vorsicht des „zwar aber“ und des „sowohl als auch“, die nirgends anecken möchte und nichts so sehr fürchtet wie den Vorwurf der Schwarz-Weiß-Malerei, wo vieles doch ganz offensichtlich schwarz-weiß ist, geht ihm unverkennbar auf den Keks. Piwitts Texte sind ein Plädoyer für den Widerspruch, für eine Nachdenklichkeit, die sich nicht ins Unverbindliche verabschiedet. Zu Recht zürnt Piwitt jenen einstigen „Freunden“, die immer genau Bescheid wissen und dabei einen guten Schnitt machen. Er selbst hat es sich nicht leicht gemacht. Wahrscheinlich könnte er nicht anders.

Er verdiente zumindest dies: Leser. Wir müssen Piwitt dankbar sein für Sätze wie diesen: „Lesenswert bleibt und wird bleiben, was nicht verfilmbar ist.“ Oder diese: „Das Recht des Schwanzes auf Bomben hatten wir. Das Recht der humanitär erregten Eierstöcke auf Raketen ist neu.“ Und wie schätzt Piwitt sich selber ein? „Meine schlechteste Eigenschaft: Rest-Konzilianz.“ Einverstanden. Sie wird ausgeglichen durch Negativurteile, die der Autor selbst für übertrieben hält. Nur in einem, einem einzigen Fall möchte man doch Einspruch erheben: zu Gunsten von Thomas Bernhard. Lieber Piwitt, lesen Sie die Auslöschung. Es will mir nicht in den Kopf, dass Sie darin nicht auch etwas von sich selbst entdecken sollten. Wie ich in Ihren Essays.

Thomas Rothschild


Hermann Peter Piwitt: Steinzeit. Notate zur Nacht 1989 bis 2002. revonnah, Hannover 2004, 132 Seiten., 13,- ¤.

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