S. Hopf/ N. Meier: Plattenbau privat
16.06.2004
Schöner wohnen
Die Fotografinnen und Szenenbildnerinnen Susanne Hopf und Natalja Meier haben 60 P2-Wohnzimmer fotografiert.
1961 wurde in Berlin-Lichtenberg ein Muster- und Experimentalbau fertig gestellt, der für den Massenwohnungsbau eine neue Ära einläuten sollte – Plattenbau 2, kurz: P2. Wie lebt man heute in diesen Plattenbau-Wohnungen, die in der Berliner Szene derzeit groß im Kommen sind?
„Neuer Wohnungstyp nach gereiften Erkenntnissen“ – so schwärmte der Architekt Jörg Piesel in der DDR-Wohnzeitschrift „Kultur im Heim“ im Jahr 1965 von der P2. Gereifte Erkenntnisse? Im Mittelpunkt der P2 steht die knapp fünf Quadratmeter große Küche. Anders als die bisher üblichen Wohnküchen ist sie nach innen verlegt und ohne Fenster, aber durch eine gläserne Durchreiche mit dem kombinierten Wohn-Esszimmer verbunden. Mit Hilfe der Durchreiche, so die Architekten, könne die Frau auch während des Kochens in das Familiengeschehen mit eingebunden werden.
Weg mit dem Ballast!
Doch wozu lange kochen? In der Fortschrittseuphorie der 60er Jahre ging man davon aus, dass sich die DDR-Frau in absehbarer Zeit aufwändige Menüs ins Haus liefern lassen würde. So gesehen, war die Mini-Küche die Antwort auf die Rolle der Frau – nicht mehr die Hausfrau und Mutter, die ihre Kinder selbst umsorgt, war gefragt, sondern die in Vollzeit berufstätige Frau, die sich in ihrer Freizeit weiterbildet. Flexibel und modern – mit diesen Attributen identifizierten sich nicht nur 32.000 Besucher des Wohnblocks, so war auch die Einrichtung der P2. Die schlichten Baukasten-Elemente waren variabel und damit nicht nur optisch ein echter Kontrast zu den schweren Garniturmöbeln der Ulbricht-Ära.
Zurück zur Gemütlichkeit?
Susanne Hopf und Natalja Meier haben im Jahr 2002 den Wohn-Essraum von 60 P2-Wohnungen in mehreren Ost-Berliner Wohngebieten in zwei Fotos festgehalten. Alle Wohnungen wirken sauber und aufgeräumt und präsentieren sich wie die Visitenkarten ihrer Bewohner. Nur wenige Bewohner, unter ihnen viele ältere, die seit über 20 Jahren dort leben, sind dem ursprünglichen Wohnideal treu geblieben. In kaum einer Wohnung sind noch alte DDR-Möbel zu finden, stattdessen beherrschen meist schwere Plüsch- und Ledergarnituren, ergänzt von Wohnzimmer-Schrankwänden und Fernsehern den Raum. Variabel wohnen? Viele Wohnungen wirken voll gestopft und überladen. Auch die innen liegende Küche hat sich nicht durchgesetzt. In einigen Fällen ist die Durchreiche ganz verdeckt; häufig wurde die Trennwand zum Essbereich im Wohnzimmer entfernt und aus der Arbeitsküche wurde eine Wohnküche.
Seelenlandschaften auf knapp 20 Quadratmetern
Susanne Hopf und Natalja Meier zeigen nicht nur Wohnlandschaften. Den Fotos vorangestellt ist eine informative und reich bebilderte Einleitung über die Grundidee und die Geschichte des P2-Wohnungsbaus. Die Übersicht am Schluss nennt die Berufe, das Alter und die Wohndauer der Bewohner. Wer verbirgt sich dahinter? Auf diese Weise lassen die Autorinnen in „Plattenbau privat“ nicht nur eine DDR-Utopie Revue passieren. Das Buch vermittelt zugleich eine Vielfalt aktueller Lebensentwürfe und Einrichtungsvorlieben, die sonst kaum irgendwo zu sehen ist.
Birgit Kuhn
Hopf, Susanne / Meier, Natalja: Plattenbau privat - 60 Interieurs
Nicolai'sche Verlagsbuchhandlung 2004.
Gebunden. 143 Seiten m. 120 Farbfotos. 19,90 Euro.
ISBN 3894791306
Quellen:
Der DDR-Architekt Hermann Henselmann entwarf für seinen Plattenbau am Platz der Vereinten Nationen den seltenen Bautyp P2/11 einer Maisonettewohnung mit Atelier. Der Künstler Erik Schmidt zog 1998 dort ein, die Räume wurden für ihn selbst und andere zur Bühne. Sie dienten oft als Kulisse für Trendmagazine, Video-Clips und Werbespots. Wir besichtigen die Künstlerwohnung, eine Mixtur aus 70er Jahre Tapeten, edlem Design und Flohmarkt-Chic.
Sa 3. Juli · 14 Uhr
Treff: U Strausberger Platz, vor dem Copyshop
Preis: 20 ¤. Mit Anmeldung!
http://www.artberlin-online.de/privat.htm
http://www.uni-stuttgart.de/ibbte/pages/downloads/reader/pdf/02_kuechen.pdf S. 65ff.