Thomas Bauer (Hrsg.): Zwischen Estland und Malta
23.06.2004
Die neuen Nachbarn kennen lernen
Wer sich im Zuge der EU-Erweiterung näher mit Osteuropa befassen will, findet in diesem Sammelband zwar kaum harte Fakten, kann sich aber einen unterhaltsamen ersten Eindruck verschaffen und etwas von der Atmosphäre des neuen Europas erahnen.
Dank der EU-Erweiterung vom 1. Mai 2004 herrscht derzeit ein gesteigertes Interesse an Osteuropa. Während in den Medien vor allem der wirtschaftliche Aspekt der Erweiterung im Vordergrund steht, sind viele Bürger der alten EU-Länder auch neugierig darauf geworden, was die Beitrittsstaaten in anderer – etwa kultureller – Hinsicht zu bieten haben. Manch einer stellt dabei verwundert fest, wie wenig er über die zehn neuen Mitgliedsländer weiß oder dass sein vermeintliches Wissen großteils auf Vorurteilen beruht. Thomas Bauer hat ein Buch zusammengestellt, das dazu anregen will, diese Wissenslücke zu schließen.
Unter dem Titel Zwischen Estland und Malta vermitteln zwölf Autoren und Autorinnen auf unterschiedlichste Weise ihre Erfahrungen mit osteuropäischen Ländern. Das Buch bietet (abgesehen vielleicht von Christine Gradls Beitrag) keine Reiseinformationen im eigentlichen Sinne, sondern eher die Schilderung sehr subjektiver Eindrücke. Oftmals stehen dabei gerade flüchtige Details im Vordergrund, auf die ein anderer Beobachter vielleicht gar keinen Wert gelegt hätte. In Tanja Dückers Geschichte wird zum Beispiel der Geruch beschrieben, der die Reisenden am Warschauer Bahnhof empfängt, und bei Stefan Sprenger stehen die Begegnungen mit Bettlern in verschiedenen europäischen Metropolen im Vordergrund.
Durch die subjektive Herangehensweise entstand ein sehr heterogener abwechslungsreicher Band, sowohl hinsichtlich des Inhalts als auch des Stils der einzelnen Texte. So findet der Leser neben stilistisch sehr unterschiedlichen Erzählungen auch Beiträge in Gedichtform. Positiv hervorzuheben ist, dass die Vielseitigkeit des Buchs keineswegs unentschlossen wirkt, sondern vielmehr die Vielfalt der möglichen Erfahrungen mit den osteuropäischen Ländern widerspiegelt.
Die subjektive Herangehensweise der Autoren bringt es auch mit sich, dass man bei der unterhaltsamen Lektüre häufig zwischen den Zeilen lesen muss, um auch tatsächlich über das jeweils bereiste Land zu erfahren. Gerade diese Tatsache weckt aber auch die Neugier beim Leser, das „neue Europa“ selbst kennen zu lernen. Hier wird man nicht mit einem vorgefertigten und vorgeblich objektiven Bild von Osteuropa abgespeist, sondern bekommt individuelle Eindrücke angeboten, die natürlich eigene Erfahrungen nicht ersetzen können. So ist es schließlich auch die erklärte Absicht des Herausgebers, dem Leser „Lust [zu] machen, die neuen Nachbarn kennen zu lernen“.
Dabei wird übrigens nicht an den aktuellen Grenzen der erweiterten EU haltgemacht, sondern auch eventuelle zukünftige Beitrittskandidaten werden besucht. So berichtet etwa Christine Gradl von einer Türkeireise, und der Schauplatz von Julia Schochs Beitrag ist Rumänien.
Wer sich im Zuge der EU-Erweiterung näher mit Osteuropa befassen will, findet in diesem Sammelband zwar kaum harte Fakten, kann sich aber einen unterhaltsamen ersten Eindruck verschaffen und etwas von der Atmosphäre des neuen Europas erahnen.
Katja Pabel
Thomas Bauer (Hrsg.): Zwischen Estland und Malta
Zwölf Autoren erkunden das 'neue Europa'. Mit Farbfotos v. Maria-Miliana Bajtay, Josef Gradl, Thomas Bauer.
Wiesenburg Verlag 2004.
Gebunden. 217 Seiten. 22.80 EUR
ISBN: 3-937101-09-8