H. Leyendecker: Lügen des Weißen Hauses
23.06.2004
Alles Lüge
Hans Leyendecker dokumentiert die Machtpolitik des Weißen Hauses
In den kommunistischen Staaten und Parteien galt die Haltung gegenüber der Sowjetunion als Gradmesser der Zuverlässigkeit. Wer in den Verdacht geriet, antisowjetisch zu sein, war gesellschaftlich erledigt. Darüber haben sich Kritiker zu Recht mokiert. Dass freilich heute der Vorwurf des Antiamerikanismus geeignet ist, unbequeme Stimmen aus dem öffentlichen Diskurs zu entfernen, dass er nicht weniger aggressiv und unbegründet geäußert wird als einst der Vorwurf der Sowjetfeindlichkeit, scheint vermeintliche Demokraten nicht zu stören. Insbesondere seit dem zur Chiffre gewordenen 11. September und mehr noch seit Beginn des Irak-Kriegs wird an vielen Orten für unzurechnungsfähig erklärt, diffamiert und abgemahnt, oft auch mit einem unausgesprochenen Publikationsverbot bestraft, wer die Politik der USA kritisiert. Geradezu komische Formen hat diese Art der Kampagne bei der ZEIT angenommen, wo sich der eine Herausgeber Joffe und sein Adlatus Herzinger stets aufs Neue als militante Kämpfer für die Sache der USA profilieren. Dass sich, was sie behaupten, mit vielen Informationen im eigenen Blatt nicht vereinbaren lässt, stört sie nicht. Wenn Folterungen in amerikanischen Militärgefängnissen publik werden, verstummen sie für zwei drei Wochen, um danach mit ihrer Propaganda fortzufahren, als wäre nichts passiert.
Drastische und empörende Fakten
So leicht wie gegenüber prominenten und weniger prominenten Linken können es sich die Höflinge des Bush-Regimes im Falle Hans Leyendeckers nicht machen. Der politische Redakteur der Süddeutschen Zeitung hat einen zu guten Ruf, hat sich mit seinen früheren Recherchen zu sehr bewährt, als dass man ihn einfach als Narren oder als unseriös abqualifizieren könnte.
Minutiös weist Leyendecker nach, dass der amerikanische Präsident und sein Apparat die Nation seit Jahren belogen und bewusst auf einen Krieg hingearbeitet haben. Die Fakten sind so drastisch und so empörend, dass man kaum begreifen kann, wieso sich Politiker dieses Zuschnitts in der „Heimat der Demokratie“ halten können, wieso jene, die ihre Lügen bei uns verbreiten, immer noch weiter als satisfaktionsfähig gelten. Leyendecker erinnert an die Behauptung, der Kopf des Attentats vom 11. September und der irakische Konsul hätten sich in Prag getroffen. Dieses Gerücht diente nicht unwesentlich als Beweis für eine angebliche Verbindung zwischen al-Quaida und dem Irak. Sowohl der ansonsten so hoch gelobte Václav Havel, wie auch der Bundesnachrichtendienst haben dementiert, dass dieses Treffen jemals stattgefunden hat. Wurden aus der offenkundigen Lüge Konsequenzen gezogen? Keinswegs. Offenbar ist ein moralischer Wert wie Ehrlichkeit nur noch Luxus, wo die Macht herrscht. Die Folgen sind freilich nicht bloß moralischer, sondern politischer Natur, und sie werden mit Menschenleben bezahlt. Wie lächerlich belanglos wirken doch im Vergleich damit die Lügen eines einstigen Präsidenten bezüglich sexueller Ausschweifungen. Ach wenn’s sonst nichts wäre…
Leyendecker analysiert in der ersten Hälfte seines Buchs die Rolle der „Denkfabriken“ – der „Think Tanks“ – und einzelner Politiker und Berater wie des erzkonservativen Paul Wolfowitz, der Condoleezza Rice oder Dick Cheneys. Er weist nach, dass das Lügen für Bush und seine Administration nicht aus Spaß an der Sache geschieht, dass es aber habituell und konstitutiver Bestandteil des politischen Systems ist. Er entwirft lebhaft und plastisch ein Bild von dem Netzwerk, dessen Objekt und Subjekt zugleich der amerikanische Präsident ist, durch das er geformt wurde und das er seinerseits für seine Interessen nützt.
Neuanfang ?!
Zum Abschluss seiner Bestandsaufnahme versucht sich Leyendecker in Prophetie. Das ist riskant. Wenn schon keine Lügen, so wenigstens Erfindungen – wenn auch, vorsichtigerweise, alternative? Ob Leyendeckers Hoffnung auf Kerry berechtigt ist, kann man auch anzweifeln. Man halte sich an den Ausspruch von Niels Bohr: „Es ist schwer, Voraussagen zu machen. Besonders über die Zukunft.“
Die Literaturliste am Ende des Buchs ist erstaunlich kurz geraten. Man vermisst einige Namen, die man in diesem Kontext erwartet hätte, allen voran Noam Chomsky. Wollte sich der Autor vor dem Vorwurf schützen, er schöpfe aus verdächtigen Quellen? Dann wäre er bereits ein Opfer jenes Netzes, das er so treffend beschrieben hat. Und übrigens: vielleicht braucht auch Amerika einen Neuanfang, wie der Untertitel behauptet. Leyendecker begründet aber, warum die USA einen Neuanfang brauchen. Diese Verwechslung ist selbst schon Folge einer Situation, die Leyendecker analysiert.
Thomas Rothschild
Hans Leyendecker: Die Lügen des Weißen Hauses. Warum Amerika einen Neuanfang braucht. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, 224 S., ¤ 14,90
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