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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:25

 

Anna Funder: Stasiland

23.06.2004

 
Zwischen zwei Welten

Die australische Journalistin Anna Funder besuchte mehrmals die Ex-DDR und berichtet in ihrer Reportage von ihren Begegnungen mit Ex-DDR-Bürgern.

 

Geschichte, so heißt es, erschließt sich am besten durch Distanz. Meistens ist damit der zeitliche Abstand gemeint – je länger ein Ereignis vorbei ist, desto treffender die Analyse. Anna Funder, eine australische Journalistin, sieht die DDR aus einer doppelten Distanz. Nicht nur, dass das riesige Australien völlig anders ist als die kleine DDR. Anna Funder, die in den 80er Jahren begonnen hatte Deutsch zu lernen, war bereits 1994 in Leipzig, bis sie für ihre Recherchen, aus denen Stasiland hervorging, 1997 nach Ost-Berlin kam.

Neugierig und unbefangen

Sie mietete eine DDR-Wohnung und nahm einen Job beim Fernsehen an, wo sie u.a. die Zuschauerpost bearbeitete. „Wie leben die Ostdeutschen heute?“ fragt eines Tages ein Ex-Dresdner, der seine Stadt nach dem Krieg verlassen hatte und jetzt in Argentinien lebt. Seine Anfrage löst unter den West-Redakteuren mächtigen Wirbel aus. Es gebe kein Interesse an Ost-Reportagen, meinen sie. Doch Anna Funder lässt nicht locker: nur wenig später nimmt sie einen Kontakt wieder auf, den die Museumsleiterin des Leipzigers Untersuchungsgefängnisses bereits 1994 hergestellt hatte, und reist zu Miriam Weber. Nach ihrem Gespräch mit Miriam gibt Anna Funder eine Anzeige in der Zeitung auf, in der sie Ex-Stasi-Leute zu vertraulichen Gesprächen für eine Reportage einlädt.

Täter, Opfer und Orte der Erinnerung

Nach und nach offenbart sich Anna Funder das bizarre Panorama einer noch immer fremden oder inzwischen fremd gewordenen Welt. Ihre Recherchen und Begegnungen führen sie in die ehemalige Stasi-Zentrale in der Normannenstraße, ins „Runde Eck“ in Leipzig, an die Berliner Mauer und zu den „Puzzle-Frauen“ nach Nürnberg. Anna Funder trifft überzeugte Stasi-Leute und Menschen, die als Stasi-Bedienstete selbst unter die Räder des Regimes kamen. Sie spricht mit ehemals loyalen Ex-DDR-Bürgern, die sich erfolgreich weigerten, mit der Stasi zusammen zu arbeiten und dennoch bis heute unter ihren Stasi-Begegnungen leiden. Sie unterhält sich mit Prominenten wie z.B. Karl Eduard von Schnitzler, dem DDR-Fernseh-Ideologen und auch Klaus Renft, der Rock-Legende der DDR.

Authentisch und distanziert

Nicht nur die Lebens-Geschichten an sich sind lesenswert. Wie und warum berichten die Menschen? Was ist ihnen wichtig? Was bedrückt sie? Worauf sind sie stolz? Wie leben sie heute? Manche Begegnungen verlaufen gradlinig, die Gesprächspartner offenbaren sich selbstbewusst, ohne Scheu. Einige Kontakte sind nur schwer aufrecht zu erhalten. Julia und Miriam, beide Regime-Opfer, sprechen nicht gern über ihr Leben und ihre Vergangenheit. Sehr offen erzählt Anna Funder, wie sie sich zum Teil monatelang um ihre Gesprächspartner bemüht, wie sie versucht, ihnen das Erzählen leichter zu machen. Dieses Ringen um die eigene Geschichte ist einer der interessantesten Aspekte des Buches. Während Anna Funder ihren Gesprächspartnern behutsam näher kommt, staunt sie und wundert sich – ohne erhobenen Zeigefinger.

Birgit Kuhn

Anna Funder: Stasiland
Europäische Verlagsanstalt 2004.
Ausgezeichnet mit dem Samuel Johnson Prize 2004.
Gebunden. 341 Seiten. 24,90 Euro.
ISBN 3434505768

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