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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:25

 

B. Rubin and J. C. Rubin: Yasir Arafat

01.07.2004

 
Kriegerische Friedenstaube

Eine neue material- und quellenreiche, brillant recherchierte und geschriebene Biographie von Yasir Arafat entwirft mit voyeuristischem Vergnügen ein dramatisches Bild vom Nahen Osten.


 

Barry Rubin ist Direktor des Global Research Centers in International Affairs in Herzliya, Israel. Er ist renommierter Experte für den Nahostkonflikt. Seine Frau Judith Colp Rubin ist eine gestandene Journalistin und aktive Feministin mit viel internationaler Erfahrung. Zusammen haben sie eine aufwändig recherchierte, exzellent geschriebene und von profunder Ablehnung getragene politische Biographie des Präsidenten der Palästinenser geschrieben.

Ein komischer Vogel

Yasir Arafat ist eine politische Figur, wie nur das 20. Jahrhundert sie hervorbringen konnte. Selten trifft der Topos der Janusköpfigkeit so gründlich zu wie auf ihn. Die Rubins portraitieren einen komischen Vogel, der sich gleichzeitig als Friedenstaube und als Kriegsfalke produziert. Für die westliche Öffentlichkeit gibt er den Tramp á la Chaplin oder gar ET, „den niedlichen außerirdischen Flüchtling, der nur nach Hause wollte“; für die arabische, vor Allem aber seine palästinensische Öffentlichkeit gibt er den Patriarchen im Stil des Clanchefs.

Mit einer opulenten Kasuistik arbeiten die Autoren die charakteristischen Konstanten heraus. Das sind obenan Arafats Verlogenheit und Anmaßung, verbunden mit Großmäuligkeit und Wichtigtuerei. Er sei, vornehmlich für das westliche Publikum, ein begnadeter Charmeur, zuhause aber ein ausgemachter Egoman mit Hang zur Selbstherrlichkeit. Seine unberechenbaren Stimmungswechsel machen ihn gefürchtet. Er sei zutiefst überzeugt vom Nutzen der Gewalt und verachte Diplomatie und Demokratie.

Gleichzeitig sei er entscheidungsunwillig, wenn es darauf ankomme, und verstricke sich lieber im Kleinklein der täglichen Kabalen. Seine Sternstunden habe er in der Krise und im Belagerungszustand; sein Wille zum Martyrium („Eher sterbe ich als Märtyrer, als Märtyrer, als Märtyrer!“) sei eigentlich schuld am Leid seines Volks, nicht etwa mangelnde Konzilianz Israels. Daher sei er, trotz aller Verdienste für die palästinensische Sache, mehr ein Verhängnis als ein Segen für sein Volk.

Lebensansichten eines Stehaufmännchens

Seine unglückliche Kindheit in Ägypten leugnet Arafat; er erfand sich eine passendere, lokalisiert in Jerusalem, in der Nähe der Al-Aksa-Moschee, die eines der Symbole der palästinensischen Bewegung sein sollte. Solcherlei fiktive Elemente seines Selbst- und Weltverständnisses wurden zu seinem Leitmotiv. Arafat kompensierte sein Gefühl der Inferiorität, den die Autoren nicht zuletzt seiner wenig vorteilhaften äußeren Erscheinung zuschreiben, durch einen unstillbaren Macht- und Lenkungswillen, gepaart mit einer Neigung zu Entbehrung und Askese, wie man sie auch von anderen „Führern“ kennt.

1959 gründete er, damals noch Ingenieur in Kuwait, die Fatah-Bewegung, 1968 übernahm er die Führung der zuvor konkurrierenden PLO, 1974 gelang es ihm, für diese das alleinige Repräsentationsrecht für alle Palästinenser durchzusetzen, 1994 zog er in Gaza ein und wurde mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, 1996 wurde er zum Präsidenten der völkerrechtlich anerkannten palästinensischen Autonomiebehörde gewählt.

Diesen Erfolgen stellen Rubin und Rubin andere Fakten gegenüber. Wer Freunde wie Arafat hat, so die Autoren, bedarf der Feinde nicht mehr. Das lernte zuerst der jordanische König Hussein, der Arafat und der PLO Gastrecht gewährte. Diese spielte sich als Staat im Staate auf, stürzte Jordanien in einen Bürgerkrieg und rief zum Sturz des Königs auf.

Nicht anders erging es dem Libanon, dem nächsten Gastland der PLO. Ein zermürbender Bürgerkrieg gipfelte in der israelischen Invasion und der letztendlichen Ausweisung Arafats. Als Saddam Hussein 1990 in Kuwait einfiel, bejubelte Arafat ihn als Helden der panarabischen Bewegung und verriet sein ehemaliges Gastland, was ihm auch den Unwillen seiner ägyptischen und saudischen Gönner einbrachte.

Den ägyptischen Präsidenten Mubarak erzürnte er im Mai 1994 in Kairo mit seiner Weigerung, die nachts zuvor ausgehandelten Karten zu unterschreiben. Vor versammelter Weltpresse brüllte Mubarak ihn an: „Unterschreib, du Hundesohn!“ Der syrische Verteidigungsminister Mustafa Tlas hatte wenig Schmeichelhaftes über Arafat zu sagen: Er verglich ihn „mit einem ‚Striptease-Tänzer’ und nannte ihn den ‚Sohn von sechzigtausend Huren’“.

Die Autoren verschweigen Arafats Verdienste nicht. Er schaffte es, die Palästinenserfrage in den Mittelpunkt internationaler Aufmerksamkeit zu bringen. Er gab der Bewegung ein Gesicht, nämlich seines, einte sie trotz gegenläufiger Strömungen (Sozialismus, Panarabismus, Islamismus). Er gab den Scharen Vertriebener ein Ziel und brachte sie immerhin an den Rand eines Friedens. Er verstand es, sich im Kalten Krieg von beiden Seiten hofieren zu lassen und vollbrachte den Wandel vom internationalen Terroristen zum Friedensnobelpreisträger und hofierten Ehrengast sämtlicher Residenzen.

Seine Karriere setzte besondere Fertigkeiten voraus, deren wichtigste sein dramatisches Talent ist: „Seine Meisterschaft des Gefühlsrepertoires war Arafats große Stärke.“ Er entwickelte die „Figur Arafat“, deren äußere Merkmale die Kaffiya (das traditionelle Kopftuch), die schlechte Rasur und die Uniform waren. Er komme, so die Rubins, dadurch im Westen gut an, „dass er klein und hässlich ist, was eher Mitleid als Angst hervorruft.”

Arafats ideologisches Lavieren ist genialisch: weder links noch panarabisch noch islamistisch, damit für alle Geschmäcker akzeptabel, eine palästinensische Mitte, die Bewegung zusammenhaltend. Stets aber erlag er dem „Glamour der Gewalt“, wobei er sich doch, wenn er guten Willens war, fähig zeigte, dem palästinensischen Terror Einhalt zu gebieten. „Wir haben keine Ideologie – unser Ziel ist die Befreiung unseres Vaterlands mit allen nötigen Mitteln.“ Anders und oft so gesagt: „Sieg oder Tod!“ Das heißt in Rubins Worten: „Israel zu eliminieren hatte für Arafat eine höhere Priorität als einen eigenen stabilen und friedlichen Staat zu erreichen.“

Ein ferner Führer

Die Autoren beschreiben die Jahrzehnte lange Führerschaft Arafats über die Palästinenser als eine „merkwürdige Mischung aus Diktatur und Pluralismus, Repression und Beschwichtigung, Führungsschwäche und kurzer Leine.“ Die meiste Zeit sei er ein ferner, ein exilierter Führer gewesen, der die Realität der Flüchtlinge in Gaza und in der West Bank längst nicht mehr begreife und daher „mehr Prophet als Politiker” sei.

Als Staatslenker, der er spätestens seit den Wahlen 1996 ist, hat Arafat sich als unfähig oder unwillig herausgestellt; „nation-building“ sei seine Sache nie gewesen, da er unfähig sei, „den Übergang von der Revolution zum Kompromiss oder vom Extremismus zur Mäßigung zu schaffen.“ Trotz des Wendejahres 1992, in dem Arafat heiratete, einen Flugzeugabsturz knapp überlebte und einen ersten direkten Dialog mit Israel begann, der schließlich zur Anerkennung des israelischen Existenzrechts und zur öffentlichen Ablehnung der Gewalt führte, gehe es ihm, so die Rubins, mehr um die palästinensische Sache (und das ist zuerst wie zuletzt der Kampf), nicht um den palästinensischen Staat. Damit habe er sein Volk immer wieder in ein unnötiges Martyrium gestürzt, das er ihm hätte ersparen können. „Zuletzt ist es so, dass es für Arafat keinen Ersatz gibt, Arafat aber kein Ersatz ist für einen Führer, der Frieden bringen könnte.”

Saulus-Paulus und zurück

Die Rubins dokumentieren mit opulenter Materialfülle die stets zweifache Politik Arafats, gewaltsam gegen Israel vorzugehen und gleichzeitig auf dem diplomatischen Parkett sich zu produzieren. Aber Arafats Wandlung vom Krieger zum Friedensmann und zurück, das lassen die Autoren unerwähnt, hat ein nahöstliches Vorbild, Israels früheren Premier Menachem Begin, der als Führer der Terrorgruppe Irgun Zwai Leumi für eine Reihe von Attentaten verantwortlich zeichnete, unter den opferreichsten die Attacke auf die britische Mandatsverwaltung in Jerusalem 1946 (91 Tote) und das Massaker im arabischen Dorf Deir Yassin 1948 (250 Tote).

Die davon ausgelösten Unruhen sorgten für die erste große Fluchtwelle von Palästinensern in die Nachbarstaaten. 1978 wurde Begin als Premier für den Friedensschluss mit Ägypten als Friedensnobelpreisträger gekürt, 1982 ordnete er die Invasion in den südlichen Libanon an, um keinen Geringeren als Arafat und dessen PLO von dort zu vertreiben.

Parteiisches

Arafat kann den Rubins nichts recht machen. Was er auch tut, es wird ihm zum Nachteil ausgelegt. Was Israel hingegen unternimmt, ist stets gerechtfertigt, weil es eben nicht von Arafat kommt, sondern von Israel, dessen Aktionen apriorisch gut sind. Beispiel: Die Zerstörung von Arafats Hubschraubern und der Landebahn des Flughafens in Gaza „als Warnung für Arafat“ im Dezember 2001 und die Belagerung und Zerstörung von Arafats Residenz.

Die Autoren machen keine Anstalten, ihre Parteilichkeit zu verschleiern, was sich auch in der Wortwahl niederschlägt. Die israelische Opferkasuistik benennt mitfühlend „Schulkinder“, „Frauen und Kinder“, „Farmer“, „Familien“, während die Palästinenser abstrakt „Verluste“ erleiden. Vertreter eines israelischen oder europäischen Friedenskurses heißen abfällig „dovists“, was auf die Friedenstaube anspielt und sich sinngemäß mit „Friedensbewegte“ übersetzen ließe.

Israel sei friedenswillig und der einzige Staat des Nahen Ostens, der westlichen Werten entspricht, und damit in einer moralisch unangreifbaren Position sich befindet. Wären nicht alle seine Nachbarn Kriegstreiber, Diktatoren und Ausbeuter ihrer Völker, sähe es dort ganz anders aus. Also müssten die anderen zuerst im eigenen Land für Umstände sorgen, die den westlichen Maßstäben entsprächen, dann könne man über Frieden reden. Bis dahin habe Israel jedes Recht auf Verteidigung seiner selbst als umkämpfte Feste abendländischer Werte im Nahen Osten.

In einer Kolumne für die Jerusalem Post (24. Mai 2004) wird Rubin sehr viel deutlicher als in der insgesamt wenig polemischen Biographie: Arafat „schürt entweder den Konflikt weiter, bis ein vollständiger Endsieg erreicht und Israel ausgelöscht ist, oder aber er akzeptiert nur Abkommen, die es ihm erleichtern, eine weitere Runde einzuläuten, die zum gleichen Ergebnis führt.“ Daher gilt für die nicht enden wollenden Konflikte: “Israel ist das Opfer und nicht die Ursache dieser Situation”.

In der Tat ist Israel der Brückenkopf des Abendlands im Morgenland. Das muss man, von Westen wie von Osten betrachtet, so sehen. Die Bewertungen dieser Einsicht allerdings fallen diametral gegensätzlich aus. Israel leitet aus seiner Okzidentalität eine moralische Hegemonie ab, und das nicht zu Unrecht. Der arabischen Seite aber dient gerade dieser moralisch-humanistische Anspruch als Beleg für den kolonialistischen Charakter des Projekts Israel. Der Widerspruch ist nicht auflösbar, zumindest nicht von den gegenwärtigen Akteuren, aber andere sind nicht in Sicht; das ist die Tragödie des Nahen Ostens.

Voyeuristisches Vergnügen

Das Werk der Rubins besticht durch die aufwändige Recherche und den immensen Reichtum an Quellen. Sämtliche Hintergrundinformationen, Anekdoten und Zitate sind im Anmerkungsteil ausführlich belegt. Zudem gibt es ein Glossar zu Personen und politischen Gruppen mit knappen aber hilfreichen Hinweisen und Zuordnungen, sowie eine fünfseitige Chronologie zu Arafats Leben. Ein ausgezeichneter Literaturteil und ein umfassendes Register runden das Werk ab.

Die Sprache der Rubins ist ein elaboriertes, komplexes und elegantes Englisch, frei von jener grinsenden angelsächsischen Infotainment-Jovialität, die den Alteuropäern auf den Geist geht. Und doch wird das Buch nie bloß akademisch, seine Zielgruppe ist groß. Auch wer sich nur mit voyeuristischem Vergnügen am Blick hinter die Kulissen der großen Diplomatie ergötzen möchte (so zum Beispiel, wenn Madeleine Albright auf hohen Absätzen hinter Arafats Auto herhastet), wird zufrieden sein, denn mit dieser Biographie wird man zum Insider.

Zum Insider wird man aber auf zwei Ebenen. Die erste erschließt sich im Material, das die Rubins präsentieren, die zweite aber ist intimer, als es die Autoren wollen: sie erschließt uns den Blick der einen Partei auf die andere, den Blick Israels auf seine arabischen Nachbarn.

Bernd Draser


Barry Rubin and Judith Colp Rubin: Yasir Arafat. A Political Biography. Continuum Books, London 2003, 354 Seiten.

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