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W. v. Rossum: Meine Sonntage mit Sabine C.

01.07.2004

 


Wie Meinungen gemacht werden

Eine Kampfschrift gegen den alltäglichen Schwachsinn


 

Es ist trist gewordenen in der deutschen Zeitungslandschaft. Den Ton geben die Jasager und Einfallslosen an, die PR-Agenten des Status quo, die für gut halten, was ist, weil es ist. Zur Handvoll Publizisten, die ich gerne lese, über deren Aufsätze ich mich stets freue, weil sie sich den kritischen Impetus früherer Jahre bewahrt haben, gehört Walter van Rossum.

Man mag sich ja fragen, ob es nötig ist, sein Mütchen ein weiteres Mal an der gebeutelten Sabine Christiansen zu kühlen. Es gibt fürwahr Schlimmere als sie, im deutschen Fernsehen und darüber hinaus. Aber sie ist eine Institution (um nicht das idiotische Modewort „Ikone“ zu benutzen), ihre Sendung hat Einfluss – zumindest scheinen das jene Politiker anzunehmen, die sich so gerne von ihr einladen lassen –, und insofern kann sie als paradigmatisch gelten für den Zustand der Gesellschaft, in der und für die sie (sich) produziert.

Aber Sabine Christiansens Talkshow macht eigentlich nur die eine Hälfte des vorliegenden Buchs aus. Zumindest ebenso sehr wie die Sendung und ihr Medium interessieren und ärgern van Rossum die darin geäußerten Ansichten, und darunter wieder in erster Linie die wirtschaftspolitischen. Sie zitiert, analysiert, widerlegt er. Und immer wieder fragt er zu Recht (und meist rhetorisch), warum bei Sabine Christiansen niemand dem offenkundigsten und gröbsten Unsinn widerspricht.

Zu den besonderen Leistungen van Rossums gehört – neben seinem hervorragenden Stil – die konsequente Verknüpfung von systematischer Analyse mit einzelnen ganz konkreten Beispielen. So schützt sich der Autor vor dem Vorwurf, seine Thesen ließen sich an der Wirklichkeit nicht überprüfen, aber auch vor dem Verdacht, er könnte im Wust der Einzelerscheinungen das Grundsätzliche übersehen. Das Buch enthält viel direkte Rede. Sie kommt aus den Mündern von Sabine Christiansens Gästen, und die sind austauschbar. Wenn es des Nachweises bedurfte: van Rossum belegt den kaum je gestörten Konsens der sonntäglichen Fernsehrunde.

Van Rossum versucht gar nicht erst, seine Wut und seine Leidenschaft zu neutralisieren, sich genau jenen Sprachregelungen zu unterwerfen, die Gegenstand seiner Untersuchung sind. Er ist im besten Sinne parteiisch, nämlich auf Seiten der Schwächeren, auf Seiten derer, denen Unrecht geschieht und deren Leid stets aufs Neue durch „Palaver“ relativiert wird. Gerade weil er Partei ergreift, ist er der Wahrheit so viel näher als die Apologeten der Ausgewogenheit, die doch stets nur den Mächtigen dient.

Manche der in diesem Buch fixierten Beobachtungen haben wohl auch andere dem kritischen Denken noch geneigte Zeitgenossen gemacht. Aber van Rossum bringt sie auf unübertreffliche Formeln. Zum Beispiel auf diese: „Nicht die unfähige Wirtschaft wird [bei Sabine Christiansen] auf ihre Leistungsfähigkeit überprüft, sondern die Gesellschaft wird in Haft genommen, weil sie den Wünschen der Wirtschaft nicht entsprochen hat.“

Bücher wie dieses werden gemeinhin als „Polemik“ qualifiziert, was suggerieren soll, man müsse sie nicht allzu ernst nehmen, sie seien zwar amüsant, aber ungerecht. Walter van Rossums Buch ist nicht mehr und nicht weniger als eine Kampfschrift im permanenten Klassenkampf, den unsere Medien – und in ihnen, stellvertretend, Sabine Christiansens Forum – mit zunehmender Militanz von oben her führen. Über den Ausgang dieses Kampfes machen wir uns keine Illusionen. Hut ab vor den wenigen, die sich nicht auf die Seite der Sieger schlagen in der Hoffung, einen Krümel vom Kuchen abzubekommen.

Thomas Rothschild


Walter van Rossum: Meine Sonntage mit „Sabine Christiansen“. Wie das Palaver uns regiert.
KiWi 831, Köln 2004,
Taschenbuch. 189 Seiten. ¤ 8,90.
ISBN: 3-462-03394-8

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