C. Seifert: Wenn du lächelst, bist du schöner
07.07.2004
Die Wirtschaftswunderkinder
Der Kinofilm über das „Wunder von Bern“ und die sprichwörtliche Tüchtigkeit der Nachkriegsgeneration haben die 50er Jahre wieder populär gemacht. Zugleich war es die Zeit der Baby-Boomer – nie wieder wurden in Deutschland so viele Kinder geboren wie damals. Wie diese erste Nachkriegsgeneration in Deutschland aufwuchs, hat Claudia Seifert im Gespräch mit Zeitzeuginnen zu erfahren versucht.
Das deutsche Fräuleinwunder, der erste Bikini, der Siegeszug der Rockmusik – heute erscheinen die 50 Jahre als eine Zeit des Aufschwungs und des Umbruchs. Gerne werden die dunklen Seiten vergessen und verdrängt – das Schicksal der Flüchtlinge, die Armut und Enge in den Behausungen. Es war eine Welt, in der Kinder neben den vielen Verwandten, die irgendwie untergebraucht und ernährt werden mussten, oft buchstäblich keinen Platz hatten. Warum dann Kinder? Die Eltern, die zwölf Jahre Nationalsozialismus, Krieg, Flucht und Vertreibung erlebt hatten, wollten mit einer eigenen Familie endlich wieder Normalität einkehren lassen.
Rückzug in die Familie
Claudia Seifert hat mit sieben Frauen, alle zwischen 1950 und 1957 geboren, gesprochen. Zwei stammen aus der ehemaligen DDR, die übrigen aus dem Westen. In beiden deutschen Staaten hatte die jüngste Vergangenzeit tiefe Spuren hinterlassen, die vor allem auf die Kinder bis weit in die 50er und 60er Jahre wirkten. Die Familie mit dem Vater als Ernährer und Entscheider verstand sich wie in der Vergangenzeit als „Keimzelle“ des Staates. Während das Oberhaupt vom Familienleben kaum behelligt wurde, war die Mutter mit der anstrengenden Hausarbeit rund um die Uhr ausgelastet. Die Familie galt als unantastbar: nichts, was zu Hause besprochen wurde, durfte nach draußen gelangen, Besuch von anderen Kindern war ebenfalls nicht erwünscht.
Nur nicht aufmucken!
Brav und fleißig - quer durch alle Gesellschaftsschichten galt für Mädchen dieses Erziehungsideal. Anders als ihre Brüder hatten sie viele Aufgaben im Haus. Höhere Bildung? Vor allem Mädchen mussten lernen, was es heißt zu verzichten. Dabei hing es nicht immer vom elterlichen Geldbeutel ab, was den Kindern zugestanden wurde. Still halten, keine Ansprüche stellen, keine Gefühle zeigen – das war die Haltung, mit der die Eltern den Krieg überstanden hatten und die sie jetzt unreflektiert an ihre Kinder weitergaben. Zudem schwebte über allem die Erinnerung an die so genannte „schlechte Zeit“ – Kinder, die Fragen stellten, galten als undankbar und aufsässig. Für sie wurden die Straße und die Welt der Bücher wichtige Rückzugsorte.
Keine gute Kinderzeit
Claudia Seifert hat die Beiträge ihrer Interview-Partnerinnen nach Themen geordnet, in vier Abschnitte gegliedert und durch eine Einführung ergänzt. Eine gut gemeinte Fleißaufgabe, auf die die Autorin besser verzichtet hätte, da diese Beiträge den Lesefluss unnötig hemmen und den Erinnerungen ihre Unmittelbarkeit nehmen.
Die 50er Jahre waren keine gute Kinderzeit: schlecht angezogen, unzureichend ernährt und autoritär erzogen, warteten vor allem die Mädchen darauf, endlich auszubrechen. Wie belastend diese Erlebnisse bis heute wirken können, verrät ein kurzer Hinweis in der Danksagung: bei einigen Frauen brachen während der Interviews schmerzhafte Erinnerungen wieder auf, so dass sie die Arbeit an dem Buch nicht fortsetzen konnten.
Birgit Kuhn
Claudia Seifert: Wenn du lächelst, bist du schöner!
Kindheit in den 50er und 60er Jahren.
dtv Taschenbücher Bd.24411. 2004.
Kartoniert. 255 Seiten. 14,50 ¤.
ISBN: 3-423-24411-9