René Schweizer: Ein Schweizerbuch
22.07.2004
Wenn der Großvater im Grab friert
Das vorliegende Buch gibt eine Auswahl der Nonsense-Korrespondenzen, die René Schweizer von 1977-1993 mit nationalen und internationalen Behörden führte.
Honore de Balzac fand drastische Worte: „Bürokratie: Ein gigantischer Mechanismus, der von Zwergen bedient wird.“ Und Anton Tschechow setzte noch eins drauf: „Wem das Leben fremd ist, wer dazu unfähig ist, dem bleibt nichts anderes, als Beamter zu werden“.
Immer wieder einmal testen Zeitgenossen die Spiel-, Band- und Toleranzbreite öffentlicher Einrichtungen, Behörden und Organisationen. Manche reagieren auf geballten Nonsens so, wie es erwartet wird: bürokratisch eben. Andere finden äußerst humoristische Antworten und Tipps, die sogar den Urheber manchmal in den Schatten der Zweitrangigkeit stellen.
Von diesen Merkwürdigkeiten bleibt auch die kleine Schweiz nicht verschont: weder von testenden Zeitgenossen noch von so oder so reagierenden Behörden.
Deren Testung hat sich René Schweizer verschrieben, der seit dreißig Jahren einen Briefwechsel des „taktischen Wahnsinns“ mit in- und ausländischen Institutionen aller Art führt und 1971 die „Organisation zur Verblüffung des Erdballs“ gegründet hat.
Von Strafanstalten und Friedhofsverwaltungen
Viele Einfälle beweisen Schweizers Gespür für skurrile Anfragen und Ideen, andere dagegen wirken arg hineingezwungen in eine ernsthafte Lustigkeit oder in lustige, auf seriös getrimmte Anträge, Wünsche oder Beschwerden.
Der Strafanstalt Basel schreibt Schweizer, der von April 1969 bis September 1969 als Nr. 114 in der Zelle Nr. 8 einsaß: „Mittlerweile sind sieben Jahre vergangen, und ich habe wieder Lust auf eine kleine Abwechslung. Es würde mich freuen, wenn Sie mir mitteilen wollten, ob die obigen Nummern noch frei sind und ob ich eventuell für ein paar Monate wieder darüber verfügen dürfte.“ Auf diese Anfrage reagiert der Briefempfänger in entlarvender Weise steif, bürokratisch und humorlos. Andere blicken da besser durch, auf wen sie eventuell hineinfallen könnten. Schweizers Anfrage beim Erotikversandhaus Lesmosa, „ob man bei Ihnen auch bumsen [kann], und wenn ja, was kostet es?“ beantwortet eine Carmen in fast kabarettreifer Art.
Hochrangige Politiker, Psychologen, Friedhofsverwaltungen, Unternehmer, Behörden, Justizminister, Kirchenräte: alle kamen in den Genuss der Schweizerbriefe, aus denen jetzt eine Auswahl aus dreißig Jahren vorliegt. Oft bleibt es beim Frage- und Antwortbrief, manche schriftliche Begegnung wird länger, wie das Beispiel einer Grabheizung für den verstorbenen Großvater zeigt.
Die vier Bände der von 1977 bis 1993 herausgegebenen Schweizerbücher sind lange vergriffen. Mit dem nun erschienenen Band gibt René Schweizer rückschauend ein dickes Paket zur Auswahl zum Blättern, Lesen, Schmunzeln.
Klaus Hübner
René Schweizer: Ein Schweizerbuch.
Verlag Der gesunde Menschenversand 2004.
Kartoniert. 176 Seiten. 17,50 Euro.
ISBN 3-9521517-7-7.