Colin Humphreys: The Miracles of Exodus
29.07.2004
Die verschwundenen Israeliten oder Kommissar Humphreys schwerster Fall
In „The Miracles of Exodus“ wandelt Colin Humphreys auf den Spuren von Moses und den Israeliten, versucht deren Weg ins Gelobte Land nachzuzeichnen und die mit ihm verbundenen wundersamen Begebenheiten naturwissenschaftlich zu erklären.
Das Unterfangen dieses Buches ist keineswegs neu. Colin J. Humphreys knüpft mit seinem Buch „The Miracles of Exodus“ an eine Tradition an, die ihre Wurzeln in der Aufklärung hat: die naturwissenschaftliche Erklärung und Ausdeutung biblischer (Wunder-)Geschichten. Viel ist auf diesem Gebiet seither geschrieben worden, doch immer blieben zahlreiche Ereignisse unbefriedigend oder überhaupt nicht erklärt, viele in der Bibel erwähnten Orte weiße Flecken auf heutigen Landkarten. Vor allem für das Alte Testament, dessen Geschichten mehrere tausend Jahre alt sind, ist die Forschung zu dem sokratischen Konsens gelangt, dass man bis auf wenige Ausnahmen weiß, dass man nichts weiß. Für einen Naturwissenschaftler mit Leib und Seele, wie den Cambridge-Professor für Physik und Materialkunde Humphreys, ist dies ein nicht zu ertragender Zustand. So rückt er dem zweiten Buch Moses´ mit profunden Kenntnissen in verschiedenen Naturwissenschaften wie Geologie, Physik, Chemie und Astronomie, einer kindlichen Liebe zur Archäologie und einer deduktiv-empirischen Methode bewaffnet zu Leibe.
Eine großartige Detektivgeschichte
Dementsprechend verbietet sich für den Autor jegliche symbolische Auslegung des Textes. Für ihn sind biblische Geschichten keine Legenden, sondern historische Tatsachen. Es zählt nur das durch den Text gegebene, das dann anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse auf seine Gültigkeit und Wahrheit geprüft wird. Auf diese Weise wird für Humphreys die Exodusgeschichte zu einer „great detective story.“ Gleich einem großen, einzelkämpferischen Kommissar versucht er sich und den Leser dabei so intensiv wie möglich in den aufzuklärenden Sachverhalt hineinzuversetzen. „Imagine you were there“ ist eine der häufigsten Wendungen seines Textes. Für sein Vorhaben verbietet sich der Autor jegliche Voreingenommenheit und nähert sich Problemen wie ‚Wo fand die Überquerung des Roten Meeres statt?’ oder ‚Wie schaffte es Moses, Wasser aus einem Stein fließen zu lassen?’ in einer kindlich-naiven Weise. Dabei kommt es ihm zugute, dass er auf dem Gebiet der Bibelkunde und Theologie ein Laie ist. Allerdings hindert ihn dies nicht daran, seine Positionen und Erkenntnisse immer wieder von den „most biblical scholars“ abzugrenzen. Es ist damit zumindest im deutschen Sinn kein streng wissenschaftliches Buch.
Seinen fehlenden theologischen Hintergrund macht Colin J. Humphreys dafür mit ungeheuerem persönlichem Einsatz wett, der ihn auch wieder als großen Detektiv ausweist. Häufig begibt er sich selbst auf Spurensuche vor Ort und zieht viele Erkenntnisse und Schlüsse aus eigenen Beobachtungen. Vor allem in der Bibel geschilderte Flora, Fauna und Wetterbedingungen prüft er durch eigene Reisen. So stellt er unter anderem fest, dass an einem Teil des Roten Meeres Schilf wächst und dies somit als Schauplatz der spektakulären Wasserteilung in Frage kommt, da dieser in vielen Übersetzungen sowie im Urtext als ‚Schilfgewässer’ bezeichnet wird.
An der dritten Kaktee links
Inhaltlich hat sich Humphreys für sein Buch einiges vorgenommen. Nicht nur die Wunder, die den Israeliten vor und während ihres Auszuges aus Ägypten zum gelobten Land Kanaan widerfuhren, will er naturwissenschaftlich erklären. Zudem will er die exakte Route der Israeliten nachzeichnen, die Genauigkeit des biblischen Textes überprüfen und die Frage beantworten, ob dieses Unterfangen von einer „guiding hand“, sprich Gott, geführt wurde. Die Kapitel, die den Weg der Israeliten von Ägypten nach Kanaan zu rekonstruieren versuchen, machen einen Großteil des Buches aus. Diese sind oft sehr langwierig und haben zumindest ein Fortkommen des Rezensenten in diesem Buch oftmals nachhaltig behindert. Irgendwann ist es einfach nicht mehr spannend zu lesen, an welcher Kaktee die Israeliten links oder rechts abbogen. Denn Humphreys überprüft jede im Buch Exodus und im Buch Numeri erwähnte Station der Israeliten und versucht diese auf heutigen Landkarten zu verorten. Oftmals tut er dies, indem er die Bedeutungen der in der Bibel gegebenen hebräischen Ortsnamen mit den geographischen Gegebenheiten des heute so bezeichneten Nahen Ostens vergleicht. Was dabei aber sauer aufstößt ist, dass Humphreys des Hebräischen nicht mächtig ist und dabei auf die Hilfe einiger gelehrter Freunde und verschiedener Bibelübersetzungen zurückgreifen muss. Einiges aber entpuppt sich dabei als durchaus interessant. So identifiziert er das ‚Schilfgewässer’, das die Israeliten auf dem Weg nach Kanaan durchquerten und in dem die Ägypter ertranken, entgegen einer gängigen Lehrmeinung nicht als einen Binnenlandsee auf der Sinai-Halbinsel. Für ihn war der Schauplatz dieser Begebenheit der Golf von Aquaba, ein Teil des Roten Meeres. Auch der Berg Sinai bleibt von einer räumlichen Verpflanzung nicht verschont. Denn dieser befindet sich ebenfalls nicht auf der Sinai-Halbinsel, sondern im heutigen Saudi-Arabien, heißt nun Bedr und ist ein Vulkan.
Gott und die Wunder der Zeit
Interessanter lesen sich seine Erklärungen der Wunder, wie zum Beispiel der Überquerung des Jordan. Laut der Bibel erreichten die Israeliten den Jordan, den sie überqueren mussten um in das Gelobte Land zu gelangen, als dieser gerade über seine Ufer getreten und damit eigentlich nicht passierbar war. Daraufhin geschah das Wunder, dass der Jordan zu fließen aufhörte und den Israeliten so eine Überquerung ermöglicht wurde. Laut Humphreys war die Ursache dieses ‚Wunders’ ein Erdbeben, das einen Erdrutsch auslöste, welcher das Wasser des Jordans staute. Und die erwähnte Teilung des Roten Meeres rührt seiner Meinung nach von einem 80 m/h schnellen Seitenwind her. Allerdings verlässt den Autor hier seine oftmals gute Einfühlungsgabe. Denn ein Marsch durch das Meer bei einem solchen Wind dürfte für die Israeliten unmöglich gewesen sein.
Trotz des naturwissenschaftlichen Rationalismus, mit dem Colin J. Humphreys den biblischen Text auslegt, bleiben für ihn die beschriebenen Sachverhalte dennoch Wunder. Denn zu einem Wunder gehört für ihn auch der Zeitpunkt. Auch belegt er anhand von verschiedenen Bibelstellen, dass die Israeliten in den Naturgewalten, die beispielsweise die Durchquerung des Roten Meeres ermöglicht haben, immer Gott am Werk sahen. Doch Humphreys Buch trifft keine klare Entscheidung für oder gegen die Existenz Gottes. Die Lösung der von ihm anfangs aufgeworfene Frage nach einer möglichen führenden Hand ‚von oben’ überlässt er dem Leser. Er muss entscheiden, ob die ungewöhnliche Häufung seltener Naturphänomene, die die Flucht der Israeliten aus Ägypten ins Land Kanaan ermöglichte, purer Zufall oder Schicksal waren. Hier liegt die Vermutung nahe, dass der Autor mit seinem Buch weder Rationalisten noch Gläubige vergrätzen wollte.
Wer schon immer wissen wollte, wie die Israeliten nach Kanaan gelangt sind, warum sie für diesen Weg so viel Zeit brauchten und wie es möglich war, dass Moses Salzwasser in Trinkwasser verwandeln konnte, ist mit Humphreys neuer Auslegung der Exodusgeschichte sicherlich gut bedient. Denn trotz aller aus verschiedensten Wissenschaften zusammengetragenen Erklärungsansätze liest sich „The miracles of Exodus“ angenehm leicht und ist allgemein verständlich. Wer allerdings eher auf die Symbolkraft der Geschichte setzt oder etwas gegen sensationalistische Populärwissenschaft hat ,die im Stil der Time-Life Werbung eine Umschreibung von Geschichte fordert, sollte lieber auf ein anderes Buch zu diesem Thema zurückgreifen.
Ivo Wieczorek
Colin Humphreys: The Miracles of Exodus. A Scientist's Discovery of the Extraordinary Natural Causes of the Biblical Stories. Continuum, July 1, 2004. Paperback, 336 Pages, £9.99. ISBN: 0826474292
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