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Charles Seife: Die Suche nach Anfang und Ende des Kosmos

07.10.2004

 

Das ganz große Staunen bleibt aus

Charles Seife gewährt interessierten Laien profunde Einblicke in die aktuellen Forschungsgebiete und neuesten Ergebnisse der Kosmologie.


 

Mancher Leser mag sich klammheimlich nach im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubenden und horizont-erweiternden Leseerlebnissen früherer Jahre bei der Lektüre der Bücher Hoimar von Ditfurths (allen voran: „Am Anfang war der Wasserstoff“) zurücksehnen, mir jedenfalls ging es so, als ich Charles Seife’s „Die Suche nach Anfang und Ende des Kosmos“ in die Hand nahm.

Um es vorwegzunehmen: eine derart faszinierende und bewusstseinsprägende Wirkung konnte dieses Werk bei mir nicht ausüben, allen hehren Absichten des Autors zum Trotz. Dieses Defizit wird man aber weniger dem Autor anlasten können als schlicht der fortgeschrittenen Zeit: Denn zum einen ist die Wissenschaft rasant fortgeschritten und Methoden und Ergebnisse sind immer abstrakterer Natur. Zum anderen ist der Rezensent um 20 Jahre gealtert, und wir wissen, das Große Staunen wird – leider Gottes – immer seltener und schwieriger.

Nun, schon der Einband kündigt vollmundig absolute Wahrheiten an, „die Kosmologie steht an der Schwelle zu einer endgültigen Revolution“, „Astronomen und Physiker sind dabei, die ultimativen Fragen, die die Menschheit seit Anbeginn beschäftigt haben, zu beantworten: Wie entstand das Universum und wie wird es enden? In wenigen Jahren werden die Wissenschaftler ihr Ziel erreicht haben.“

So recht überzeugt bin ich nach der Lektüre nicht, dass die Großen Menschheitsfragen in Kürze gelöst sein werden, aber dieses Buch leistet sicherlich eine Menge: Als Einstieg führt Seife einem sehr schön und komprimiert die historischen Etappen der kosmologischen Forschung vor Augen. Im weiteren Verlauf gewährt er interessierten Laien tatsächlich profunde Einblicke in die aktuellen Forschungsgebiete der Kosmologie, in die Zusammenhänge von Fragestellungen und Untersuchungen. Er gibt einem sehr wohl eine Ahnung davon, welche gewaltigen Erkenntnisschübe in den letzten Jahren stattgefunden haben. Er zeigt einem einiges über die Methoden und die Art der zentralen Experimente, die betrieben werden; auffallend hierbei zum Beispiel, dass die mühselige Entzifferung der Daten aus den gewaltigen Teleskopen bei der Beobachtung der unzähligen Galaxien sehr an die ähnlich mühsame Entschlüsselung des genetischen Codes erinnert, der derzeit mit noch größerem Eifer betrieben wird. Als sehr angenehm erweist es sich, dass Seife in neuen Kapiteln oft noch mal wesentliche essentials vorangegangener Kapitel aufgreift; man muss so nicht fürchten, dass einem wesentliche Dinge eventuell beim ersten Lesen entgangen sind, die einem dann das weitere Verständnis erschweren oder gar unmöglich machen.

Mit dem Verständnis ist das ohnehin so eine Sache. In den ersten Kapiteln kann man unter Inanspruchnahme manchen elementaren Schulwissens und einem gewissen Maß an geistiger Frische und Kühnheit den Gedankengängen durchaus noch folgen, aber im weiteren Verlaufe häufen sich doch die Verständnis-Brüche, was liegt natürlich größtenteils in der Natur bzw. in der komplizierten Theorie der Sache. Das Zwingende der Schlussfolgerungen vermag sich einem jedenfalls oft nur schwerlich zu erschließen, es bleibt oft bei einem vagen Gefühl voller Skepsis und Ratlosigkeit gegenüber manchen umwerfenden Aussagen.

Eine Kostprobe: „Die Wissenschaftler verwenden für die Menge von Materie und Energie im Universum das Symbol . Der Betrag von bestimmt also die Krümmung des Universums. Ist < 1, dann hat das Universum eine negative Krümmung, ist > 1, ann ist die Krümmung positiv, und bei = 1 ist das Universum praktisch flach. Die Größe hat nun eine ganz besondere Bedeutung, denn die Krümmung des Universums hnt mit seinem späteren Schicksal zusammen. Der Fall =1 ist besonders gelagert: Das Universum dehnt sich ewig aus.“
Und nun die Brücke von Theorie, Experiment und Aussage:
„Die Daten über Supernovae und über die kosmologische Hintergrundstrahlung zeigten, dass =1 ist; demnach ist das Universum flach und wird sich ewig ausdehnen.“

Nun – wie gesagt – derlei Gedankengebäuden, Schussfolgerungen und Erkenntnissen haftet eine nüchterne Unnahbarkeit ein, die einem in letzter Stufe das große Staunen verwehrt - da lösen etwa die jüngsten Bilder vom Mars schon andere innere Regungen aus. Dennoch: bei der richtigen Grundhaltung kann man doch eine Menge aus diesem Buch ziehen. Aber etwas Mühe muss man hierzu schon auf sich nehmen, manche Kapitel vielleicht auch mehrfach lesen.

Anselm Brakhage


Charles Seife: Die Suche nach Anfang und Ende des Kosmos
Aus dem Amerikanischen von Michael Zillgitt unter Mitarbeit von Carsten Heinisch.
Berlin Verlag 2004
Gebunden. 317 Seiten. 22,90 ¤.
ISBN 3-8270-0470-5

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