Michael Rudolf: Der Pilsener Urknall
28.10.2004
Der Bierknigge
Gutes Benehmen in Sachen Bier bedeutet, gutes Bier zu trinken und also das schlechte zu erkennen und auszusondern. Wie man das macht, worauf es beim Gerstensaft ankommt, das erklärt uns dieses Buch. Und noch einiges mehr.
Es ist leider wahr. Der Bier-pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland ist rückläufig. Was tun? Die Brauereien jammern und legen sich krampfhaft juvenile Images zu. Doch die Jugend investiert ihr Geld lieber in klebrige sogenannte Alkopops. Aufklärung tut also Not. Und Michael Rudolf liefert selbige. Jedoch ist seine Aufklärungsarbeit keine, die mit dem Zeigestock und verhärmter Altersweisheit daherkommt. Sie macht vielmehr Appetit und stillt gleichzeitig einen Wissensdurst, in der Hoffnung, dass Biertrinker und solche, die es werden wollen, nicht nur welche sind, die sich ihr Quantum Ethanol möglichst flott und ohne mit der historischen Wimper zu zucken in den Kopp hauen wollen.
Denn Bier ist mehr. Bier hat eine Kulturgeschichte, es ballt Mythen um sich, die ganze Gesellschaften vereinen respektive spalten können. So werden wir mit der Geschichte des Bierbrauens ebenso vertraut gemacht wie mit aktuellen Auswüchsen des schlechten und freudigen Erscheinungen des guten Geschmacks. Der Autor reist durch Böhmen, begibt sich in belgische Klosterbrauereien, erkundet die britischen und amerikanischen Biergewohnheiten und –innovationen, und nicht zuletzt erfahren wir, wo in heimischen Gefilden der beste Gerstentrunk zuhause ist. Das ist kurzweilig geschrieben, mit Witz und Humor manchmal an der Grenze zum Klamauk, doch immer mit großem Ernst, wenn es um das Fachliche geht. Das Deutsche Reinheitsgebot wird als Relikt einer feudalwirtschaftlichen Ordnung entlarvt, das bis heute allen Neuerungen und Experimenten stur im Wege steht.
Nun muss sich der gebildete Weingourmet nicht abschrecken lassen von der hier verhandelten Materie. Natürlich, wir wissen, dass Wein die Arterien weitet, gegen Verkalkung gut ist und das Herz stärkt, ganz abgesehen von den philosophischen Gedankenläufen, die er anzuregen weiß. Doch das Bier kann, rein medizinisch gesehen, ein ebenso effektives Heil- und Prophylaxemittel gegen allerlei Gebrechen sei, denn „daß Wissenschaftler gesunden Personen gerne eine tägliche Ration von 0,5 (Frauen) bis 0,75 Liter (Männer) Bier verordnet sähen“, das nehmen wir mit Freude zur Kenntnis. Jetzt aber, trotz aller Euphorie, nicht gleich zum Eigenheimbrauer werden! Davor warnt das Buch, denn die geschmacklichen Verheerungen, die dadurch entstehen, sind in den seltensten Fällen wieder gut zu machen. Also, lieber den Abend mit einem qualitativ hochwertigen Pilsener oder Weizen oder Export oder Lager oder Ale oder Schwarzbier oder Weißderherrgottwas beschließen, dem Autor für sein aufschlussreiches wie erheiterndes Buch danken und nicht soviel Mitleid haben mit quäkenden Brauereivorständen. Denn wir wissen doch, auf lange Sicht setzt Qualität sich durch.
Lars Reyer
Michael Rudolf: Der Pilsener Urknall. Expeditionen ins Bierreich Reclam Leipzig 2004, 160 Seiten, Tb, ¤ 8,90 ISBN 3-379-20089-1
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