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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:41

 

Karin Hartewig: Das Auge der Partei

20.01.2005


Bitte lächeln!

Aus den Archiven eines Spitzelstaats: erschütternde und erheiternde Fotografien, von Schnüfflern und Zuträgern in der DDR hunderttausendfach angefertigt und gesammelt.

 


Zum Lachen war den heimlich fotografierten Menschen in der DeDeEr mit ziemlicher Sicherheit nicht. Dafür sorgte während der vierzig Jahre real existierenden Sozialismus' die Staatssicherheit mit ihrer kaum glaubhaften Sammelwut über angebliche Staatsfeinde im Inneren und Äußeren.

Als der Staat und seine Sicherheitsorgane zusammenbrachen, kamen nicht nur Karteikarten und Akten über bespitzelte Staatsbürger zum Vorschein. Auch ein riesiger Bilderberg türmte sich den Menschen entgegen, die endlich wissen wollten, was ihr sozialistisches Vaterland alles über sie gesammelt hatte. Die letzte Zählung brachte es auf 1,3 Millionen Fotografien: Observationsfotos, Dokumentationen, Schnappschüsse anlässlich von Feiern des Ministeriums für Staatssicherheit, Tatortfotos.

"Auf der Suche nach Material für andere Projekte stieß ich in der damaligen ‚Gauck-Behörde’ eher zufällig immer wieder auf Fotos. Nach einer ersten Welle autobiographischer Zeugnisse und literarischer Verarbeitungen begann damals die historische Forschung zum Ministerium für Staatssicherheit." Karin Hartewig erläutert im Vorwort, wie es dazu kam, dass sie sich "vor etwa zehn Jahren" durch den gewaltigen Stasi-Bilderberg arbeitete. Da ein Überwachungsstaat natürlich alle Möglichkeiten nutzen muss, um als solcher auch anerkannt und praxisnah zu sein, nutzte die Stasi das Hilfsmittel Fotografie – wie alle anderen Mittel auch – in exzessiver Weise für ihre Zwecke. Dem geht Hartewig sehr penibel auf den Grund. Anhand ausführlich dokumentierter Einzelfälle (wie zum Beispiel den über Robert Havemann oder über Punks in der DDR) entsteht ein Bild vom Bildersturm. Die "Horch- und Guck-Behörde sammelte mit typisch deutscher Gründlichkeit eben alles, was gegen jeden verwendet werden konnte. Spitzeleien, die an der Tagesordnung waren, dokumentierte die Stasi nicht nur in Treffberichten der IM oder in Abhörprotokollen sondern auch auf Fotografien.

Die Autorin gebraucht zwar im Buchuntertitel die einschränkende Themenbeschreibung "Fotografie und Staatssicherheit". Aber das sehr textlastige Werk ist mehr als nur der Versuch einer Bestandsaufnahme mit Bildern. Vielleicht unbeabsichtigt entsteht in Hartewigs Arbeit eine (wenn auch deprimierende) Geschichtskunde über die ehemalige DDR.

Klaus Hübner


Karin Hartewig: Das Auge der Partei. Fotografie und Staatssicherheit.
Ch.Links Verlag. Berlin. 2004.
272 Seiten. 290 Abbildungen. 19,90 Euro
ISBN 3-86153-342-1.

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