Hand aufs Herz: die Teigwaren in der netten Pizzeria nebenan können noch so lecker sein, das Vespa-Design noch so einmalig und die Italienerin und der Italiener hinter dem Tresen der Eisdiele der verkauften Eistüte ein noch so entzückendes „Ciao“ nachrufen, wie sie wollen – die Entscheidung, was die über 50 Jahre wachsende Zuneigung zwischen Deutschen und Italienern tatsächlich Wert ist, fällt 2006, wenn beide Nationen während der Fußball-WM in Deutschland aufeinander treffen sollten. Da die Endrundenauslosung aber erst im Dezember 2005 stattfindet, sind Prognosen zum weiteren Verlauf des gemeinsamen Schicksals schwer. Krieg wird es zwar, obwohl Berlusconi in Italien das Sagen hat, nicht geben, von Verrat aber ist, gerade mit verquaster Sicht auf die schon einmal sehr enge gemeinsame Vergangenheit, gerne immer mal die Rede; und wer wird uns dann den erlösenden Trapattoni machen? Doch da das Kaffeesatzlesen trotz der unzweifelhaften Kaffeekochkunst der Italiener eher im Orient als in Italien beheimatet ist, lassen wir die Zukunft dieser Völkerfreundschaft vorerst offen und widmen uns dem derzeitigen Zwischenstand.
Carola Rönneburg liefert dazu im Zusammenspiel mit diversen Gastautoren eine Steilvorlage.
Pasta, und damit Basta!
Die oben genannten und noch viele Themen mehr werden in ihrem Buch
Grazie Mille! Wie die Italiener unser Leben verschönert haben. angesprochen. In den 27 Kurzkapiteln geht es nicht um das tiefgründige Ausloten aller möglichen Aspekte, sondern um ein zumeist leicht ironisches Streifen von einstmalig z. T. deutlichen Gegensätzen, die sich in 50 Jahren Zusammenleben – und Urlaubsbesuchen – angeglichen haben. Etwa was die Kochkunst angeht: zumindest der deutsche Studentenhaushalt wäre ohne Pasta nicht überlebensfähig. Klischees werden nicht unbedingt demontiert, sondern mit zumeist amüsierter Leichtigkeit auf ihre Substanz hin befragt; manch Halbwissen wird mit einem Augenzwinkern leicht korrigiert, manch anderes mittels Detailwissen zurechtgerückt. Was also ist dran an der italienischen Hochzeitsfeier, was ist das Geheimnis des Espresso, warum gefällt die Riemchensandale?
Eiscafé: noch ein Klischee?
Der Blick in die Gegenwart und Vergangenheit bringt auch manch Kurioses hervor, etwa das Braunschweiger Straßenverkaufsverbot für italienisches Speiseeis am Anfang des letzten Jahrhunderts. Die angenehme Folge war wohl die deutschlandweite Ausbreitung der italienischen Eisdielen, die alle bekanntlich „Venezia“ oder „Lido“ heißen. Auch über die angeblich erste Pizzeria ausgerechnet im unterfränkischen Würzburg (Eröffnung am 24.03.1952) wird berichtet.
Warum jetzt dieses Buch?
1955 schlossen die deutsche und die italienische Regierung einen Anwerbevertrag für Gastarbeiter ab. Seit dieser Zeit zog es zunächst die Männer nach Deutschland, die von Anfang an italienische Spezialitäten im Gepäck hatten, und später dann die kleine Familie – und eigentlich nicht auch die große, die Mafia? Die Auseinandersetzung mit ihr fehlt in diesem Buch zwar, wäre aber unter dem Motto der „Verschönerung unseres Lebens“ fehl am Platz. Dabei gibt es durchaus auch ernste Töne zu lesen, etwa zur Integrationsproblematik.Alles in allem liefert das Buch mehr als nur Indizien dafür, dass sich
La deutsche Vita (so der Titel eines Buches von Antonella Romeo mit dem komplementären Blick aus italienischer Sicht) in den letzten Jahrzehnten insbesondere unter italienischem Einfluss stark gewandelt hat und sich die deutschen Gaststubenhocker langsam, aber sicher in ein Volk von Straßencafébewohnern verwandeln.
Olaf Selg
Carola Rönneburg: Grazie Mille! Wie die Italiener unser Leben verschönert haben.
Herder Verlag 2005.
Kartoniert. 160 Seiten. 6,00 Euro.
ISBN 3-451-05494-9