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D. Edmonds/J. Eidinow: Wie Bobby Fischer...

10.03.2005

 Als Schach zum „Event“ wurde

Edmonds und Eidinow arbeiten in ihrem Buch nicht nur die Dramatik dieser wirklich „ungewöhnlichsten Schachpartie aller Zeiten“ heraus. Aus Originalquellen schöpfend kredenzen sie auch eine beinahe unglaubliche Mixtur aus persönlicher Tragik, Hilflosigkeit, Größe und Schwäche.

 

Als Ronald Reagan und Michail Gorbatschow bei ihrem Treffen 1986 in Reykjavik das Ende des Kalten Krieges einläuteten, hatte diesen ein gewisser Bobby Fischer längst gewonnen. Fünfzehn Jahre zuvor, am gleichen Ort. Und zwar mit 12,5 : 7,5.
Tatsächlich finden sich in jenem Kampf um die Schachweltmeisterschaft sämtliche Ingredienzien eines mit versteckten Scheußlichkeiten ausgetragenen Scharmützels: Psychotricks, chemische Substanzen in harmlosen Fruchtsäften, eine geheimnisvolle Apparatur in Fischers Sessel und, natürlich, ein Intrigantenstadel erster Güte.
Die Auseinandersetzung zwischen dem amtierenden Weltmeister Boris Spasski und seinem amerikanischen Herausforderer Bobby Fischer offenbarte jedoch auch, dass dieser Kalte Krieg im Kleinen ebenso wenig die Konfrontation von Gut und Böse war wie sein welthistorisches Pendant. Spasski, als Repräsentant einer Nation von willfährigen Erfüllungsgehilfen des Systems gesehen, hatte nichts von einem Schachroboter. Seine politische Einstellung galt als unzuverlässig, er war eher Russe als Bürger der Sowjetunion, reihte sich nicht in das Heer der Ja-Sager ein, liebte die schönen Seiten des Lebens. Doch auch die Maschinerie hinter ihm agierte höchst unzuverlässig. Kompetenzgerangel unter den Funktionären, Eifersüchteleien, eine lückenhafte, um nicht zu sagen lausige Vorbereitung – all das assoziierte man nicht mit jener Nation, für die sportliche Erfolge zugleich Bestätigung der Weltanschauung waren.

Auf der anderen Seite Bobby Fischer. Ein Genie, das wie kein zweites das Klischee des verrückten, weltfremden Ausnahmemenschen bediente. Sein Leben bestand aus Schach, Schach und Schach, und Schach assoziierte sich in der verqueren Alltagslogik des Meisters immer auch mit Geld und Größenwahn, was sich in utopischen Gagenforderungen äußerte und das Ereignis von Reykjavik mehr als einmal gefährdete.
Fischers Divenmanier zeigte sich schon, als er, nachdem sämtliche Konkurrenten furios vom Brett gefegt worden waren, den Beginn des Finales monatelang herauszögerte. Es waren aber genau diese außersportlichen Aktivitäten, die dafür sorgten, dass zum ersten Male in der Geschichte des Schach eine Partie zum „Event“ aufgeblasen wurde. Die Welt fieberte mit. Man verstand nicht viel von Schach, doch viel von den Reizen eines dramatischen Showdowns. Das visuell sehr unspektakuläre Spiel hob sich auf eine Ebene mit den fernsehtauglichen Gladiatorenkämpfe der Siebziger: Ali gegen Frazier, Ali gegen Foreman, dort die rechte Gerade war, hier, bei Fischer – Spasski, der Schlag unter die Gürtellinie.
Dabei waren auch hier die Fronten nicht eindeutig. VieleAmerikaner verabscheuten diesen „good guy“ Fischer als eine unsägliche Peinlichkeit, während der „bad guy“ Spasski auftrat wie ein Gentleman und ihm von Seiten Beifall gezollt wurde, die einer prokommunistischen Haltung unverdächtig waren.

Edmonds und Eidinow arbeiten in ihrem Buch nicht nur die Dramatik dieser wirklich „ungewöhnlichsten Schachpartie aller Zeiten“ heraus. Aus Originalquellen schöpfend kredenzen sie auch eine beinahe unglaubliche Mixtur aus persönlicher Tragik, Hilflosigkeit, Größe und Schwäche. Als eine sozialpsychologische Studie liest sich der gut und präzise geschriebene Bericht zudem. Selten zuvor sah sich eine Gemeinschaft (die der Schachverbände, Funktionäre, Reporter und Zuschauer) so sehr der Willkür eines Einzelnen ausgeliefert, dessen Paladine die Weltmeisterschaft im Porzellanzerschlagen locker gewonnen hätten. Am Ende siegt Fischer nicht allein wegen seines unbestrittenen Schachgenies, sondern auch, weil die Regeln eines organisierten, fairen und stets kontrollierbaren Zusammenlebens ausgehebelt wurden.

Aber siegte er tatsächlich? Die Autoren widmen dem Werdegang der beiden Protagonisten ebenfalls einige Kapital ihres Buches und präsentieren den größten Witz gekonnt ganz am Schluss. Die Eltern des fanatischen Antikommunisten Fischer nämlich waren Kommunisten und standen unter Beobachtung des FBI. Verloren haben hier alle, Sieger ist, wie beruhigend, der Leser dieses Buches, selbst dann, wenn er nichts von Schach versteht.

Dieter Paul Rudolph


David Edmonds / John Eidinow: Wie Bobby Fischer den Kalten Krieg gewann. Die ungewöhnlichste Schachpartei aller Zeiten.
Aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005.
Gebunden. 432 Seiten. 22,90 ¤.
ISBN: 3-421-05654 - 4



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