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Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang

24.03.2005


Versoffenes Idyll

Verlottert, versoffen, verqualmt: So gibt sich die Vulgärlebenskunst des englischen Fundamentaldilettanten Tom Hodgkinson. Mit seiner so genannten „Anleitung zum Müßiggang“ will er seine schlechten Gewohnheiten verherrlichen, seine Schuldkomplexe abarbeiten und seinen Broterwerb sichern. Das Ergebnis nervt.

 

Angelsächsische Lebenskunst

Das ist also angelsächsische Lebenskunst: Bier saufen, Zigaretten qualmen, verkatert rumhängen, das als Subversion verkaufen, sprich: in bare Münze verwandeln. In dieser Kunst übt sich der Möchtegern-Müßiggänger Tom Hodgkinson.

Nun wird die Frage nach der Lebenskunst seit Nietzsche (viel früher schon in der Stoa und in epikureischen Kreisen) laut, radikal und zu Recht gestellt, allerdings noch nie mit einem solchen dumpfbackigen Dilettantismus wie in diesem Buch. Eine gelungene Anleitung zum Müßiggang, eine „Fröhliche Wissenschaft“ á la Nietzsche, wird erhofft, erwartet und gebraucht. Was aber hier gedruckt wurde, ist für nichts zu gebrauchen.

Not und Tugend

Hodgkinson rechnet einen uralten und urwahren Dreisatz durch: Vita brevis – tempus fugit – carpe diem! Das Leben ist kurz − die Zeit rennt − nutze den Tag! Bis dahin kann man wenig falsch machen. Dann geht es aber los. Problem: Der Autor ist Langschläfer und kommt morgens nicht aus dem Bett. Lösung: Das Langschlafen muss eine Tugend sein. Ergo: Alle, die früh aufstehen, sind Nervensägen, Ausbeuter, Kapitalisten, etc.

Hodgkinson ist zuallererst von einem tief sitzenden Schuldkomplex bewegt. An dutzenden von Stellen wirft er „denen da oben“ vor, ihm und seinesgleichen Schuldgefühle einreden zu wollen, um dann dort den Hebel zu Ausbeutung und Unterdrückung ansetzen zu können. Woher dieses Schuldgefühl kommen mag? Vielleicht aus der protestantisch-angelsächsischen Leistungsethik, an der er leidet? Vielleicht aus einem übersteigerten Geltungsbedürfnis des Autors, an dem er scheitert? Vielleicht eine Unzufriedenheit mit seinen verqualmten Idealen, seinem Snobismus von unten? Wer weiß – und wer will es wissen?

Arbeit und Muße

Hodgkinson geht es nicht um eine Anleitung zum Müßiggang, sondern um einen Aufruf zu einer generellen Verweigerungshaltung, an die nur er sich nicht hält, um endlich auch einmal obenauf zu sein. Auf dreihundert Seiten versucht er uns einzubläuen, Arbeit sei grundsätzlich Ausbeutung, es sei denn, so stellt man dann auf Seite 349 verdattert fest, er selbst oder seine Lebensgefährtin sind die Arbeitgeber.

Die Vorstellungen des Autors von der Arbeitswelt sind einfältig: Arbeitsverweigerung ist Müßiggang, aber nur als abhängig Beschäftigter. Das Ideal des Müßiggängers sei es, sich selbständig zu machen, auf Neudeutsch: seine eigene Ich-AG zu gründen (S. 348 u. a.). Kein Gedanke daran, dass man als Angestellter nach Feierabend die Verantwortung im Büro lässt, dem ruhelosen Selbständigen ist sie steter Begleiter.

Schlichtweg zynisch die Romantisierung der vorindustriellen Arbeit: „Der fröhliche Bauernbursche wurde zu einem unterdrückten Sklaven“ (S. 40) Das Landleben verwechselt er mit einem theokritischen Schäferidyll: „Muße und Arbeit waren eins: Die Kinderbetreuung und das Füttern von Schweinen und Hühnern konnten mühelos miteinander verbunden werden.“ (S. 336) Keine Rede davon, dass der fröhliche Bauernbursche der Subsistenzwirtschaft auf Gedeih und Verderb dem Wetter ausgeliefert ist und keine Muße kennt: Entweder wird gearbeitet, oder es wird gehungert.

Konsum und Verweigerung

„Der Feind von heute“, so Hodgkinson, sei der „Konsumkapitalismus“ (S. 250). Ähnlich wie ein anderes moralines Großmaul des angelsächsischen Kulturkreises, Michael Moore, sieht er die bemitleidenswerten Konsumenten in die Supermärkte getrieben wie die Lämmer zum Schlachthof. Keine Rede von etwas wie Entscheidungsfreiheit des Einzelnen, kein Hauch von Realismus, nicht einmal Lebenserfahrung, nur plumpe Thekenphilosophie; ohnehin ist die Theke erklärtermaßen der Ort seiner Erfüllung (Kapitel „Erster Drink des Tages“ und „Der Pub“).

Völlig legitim hingegen ist es, wenn der Autor selbst die Werbetrommel rührt für Konsumgüter wie Zigaretten, Tee, Ebay, Playboy, Ecstasy und zuvorderst für die von ihm herausgegebene Zeitschrift The Idler.

Tee und Kaffe

Das blödeste der Kapitel, primus inter pares sozusagen, handelt von einer britischen Institution, der tea time. Hodgkinson salbadert ein wenig über die chinesische Teezeremonie, von der er aber auch gar nichts verstanden hat, nicht einmal so viel, dass sie japanisch ist, aber so genau nimmt er das nicht, um dann das Kapitel mit der Einsicht zu schließen, Kaffee sei „eine enervierende, kräftezehrende Macht“ für „aufs Geld Versessene und geistig hohle Irre“, während der Tee das uralte „Getränk von Dichtern, Philosophen und Grüblern“ sei.

Hier verschlug’s dem Rezensenten dann die Sprache, der nicht nur Kaffeetrinker, sondern auch Philosoph ist. Wie die Odyssee wohl einem Tee trinkenden Homer geglückt wäre? Oder das Symposion dem Platon bei einem Tässchen Darjeeling, some cookies to go along with it, dear? Der einzig vorstellbare dichtende Teetrinker ist der ewig verschnupfte Schiller mit ein wenig Salbeisud.

Nein, nein und nochmals nein! Hier müssen klare Worte her: Der Tee ist weder uralt noch philosophisch, sondern ein rituelles Warmwasser für bleichgesichtige Schlechtwetterinsulaner, um ihre miserable Küche hinunterzuspülen. Hingegen mag Hodgkinson damit recht haben, dass man beim zweifelhaften Genuss des grünen Gebräus ins Grübeln gerät.

Und sonst?

Hodgkinson versucht uns mit gar nicht so schlecht ausgewählten Zitaten zu blenden und über seine eigene Gedankenlosigkeit zu täuschen. Da gibt’s Benjamin und Platon, Adorno und Nietzsche, vor Allem aber Sätze, die den Zitaten nachgestellt sind und etwa so beginnen: „Mit anderen Worten…“ Was sie bringen, sind aber nicht etwa andere Worte, sondern seichte Travestien dessen, was zuvor so trefflich zitiert ward, bestenfalls noch ahnungsvolle Unzusammenhänge.

Ein Satz zur Übersetzung: Benjamin Schwarz, der für sie verantwortlich ist, täte gut daran, vor der nächsten Übersetzung zunächst das Mysterium des Imperativs und anderer Geheimnisse des Deutschen zu erforschen; da gibt’s noch manches für ihn zu entdecken. Und ein Gleichnis zum Schluss: Gäbe es einen Spamfilter für den Büchermarkt (und das ist eine der Aufgaben von Rezensionen), dann landete dieses Traktat im Junk-Ordner. Selten bekommt man ein so ärgerliches Buch zu lesen!

Bernd Draser


Tom Hodgkinson: Anleitung zum Müßiggang
Aus dem Englischen von Benjamin Schwarz
Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, 2004
Gebunden, 375 Seiten, ¤ 15,90.
ISBN 3-8077-0088-9

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