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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:46

 

Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang `45. Ein kollektives Tagebuch.

11.04.2005

 
Abgesänge: Der letzte Band von Walter Kempowskis „Echolot“-Projekt ist erschienen.

Eine Doppelrezension von Thomas Combrink und Frank Thomas Grub.

 

Magermilch auf Hassgesang

Walter Kempowski beendet mit „Abgesang ´45“ sein monumentales Echolot-Projekt. Die Chöre der Opfer und Täter, der Verfolger und Verfolgten verstummen nun. Zurück bleibt die Gewissheit, dass dieser Versuch, den toten Seelen des Zweiten Weltkriegs gerecht zu werden, wohl einzigartig in der neueren deutschen Literatur bleiben wird.

Von Kempowski selbst finden sich in dem Tausende von Seiten umfassenden Echolot-Konvolut bekanntlich nur wenige Zeilen wieder. Der ersten Veröffentlichung aus dem Jahre 1993 hat er statt eines Vorwortes einige Sätze vorangesetzt, die auf solch eindringliche Art die Verbindung herstellen zwischen seiner Lebensbahn und derer, denen er dann literarisch das Brot des Gedenkens reicht, dass man ganz gerührt und wie von selbst zur Kenntnis nimmt, warum Kempowski diese gigantische Zitatmontage in Angriff nehmen musste. Bautzen war jedenfalls ein Grund. Hier hörte er im Hof des Gefängnisses ein Summen, und dieses vibrierende Geräusch waren die Stimmen seiner Mithäftlinge, die sich in den Zellen etwas erzählten. Vielleicht von Schuld oder Unschuld, vielleicht von Vergangenheit oder einer möglichen Zukunft – man weiß es nicht. Mensch redeten miteinander über ihre Lebensgeschichten, so hat Walter Kempowski es in Bautzen erlebt, und so darf auch das Echolot-Projekt verstanden werden als ein Dialog, der die Schicksale der Zeitgenossen verknüpft.

Mit „Abgesang ´45“ liegt nun der abschließende Band der Echolot-Arbeit vor, der die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs fokussiert. Kempowski versteht es auch in dieser Textsammlung wieder, die Waage der verschiedensten Gestimmtheiten und Temperamente präzise auszutarieren. Fast wie in der „Chronik der Gefühle“ von Alexander Kluge finden sich hier Momente der Trauer, neben Hoffnung, Heiterkeit, Zuversicht und tiefer Depression. Über die letzten Atemzüge des Krieges sagen diese unterschiedlichen Stimmungen viel aus. Dass die ranghöchsten Nazis noch bis zum bitteren Ende an ihrer Ideologie verbissen festhielten und dass auch Mussolini zäh an den Sieg glaubte, wirkt mit Blick auf die ständig näherrückenden Allierten nurmehr lächerlich. Und doch wundert man sich, dass selbst Schriftsteller wie Knut Hamsun die Person Hitlers nach seinem Tod noch auf eine fast widerliche Art abfeiern.

Dabei fällt gut ins Gewicht, dass der „Abgesang ´45“, wie auch die anderen Echolot-Bände, den Reiz aus der intensiven Verkapselung von Geographie und komprimierter Historie bezieht. Hat Kempowski sich bei der Auswahl der Texte auf den Zeitraum vom 20. April bis zum 8. Mai beschränkt, so befinden sich die Schreibenden über den halben Globus verteilt. Wir bekommen also mit, was in den Köpfen von Joseph Goebbels in Berlin, von Thomas Mann in Los Angeles oder Paul Valéry in Paris zu der fast exakt gleichen Zeit vorging. Und das hat manchmal nichts mit Krieg zu tun, wie bei Valéry, der sich damals seit Monaten an Voltaire „berrauscht“ hat und der sich Gedanken über seine literarische Ähnlichkeit mit Goethe macht. Häufig erstaunt die Erkennntis bei der Lektüre von „Abgesang ´45“, dass viele Menschen weiterhin ungestört ihren Alltag durchleben und sich von den Kriegsgeschehnissen scheinbar nicht ablenken lassen.

Zu überlegen wäre auch, ob eine chronologische Lektüre des Buches überhaupt vonnöten ist. Die Arbeit hat nämlich ebenso Lesebuchcharakter. Man kann den Band aufschlagen, darin herumblättern, sich bei einzelnen Passagen festlesen oder auch nur die Einträge einer bestimmten Person über die einzelnen Tage verfolgen. Sicher, auch dieser letzte Echolot-Gesang besitzt Spannungsbögen. Neben Einträgen wie „Heute gab es Magermilch“, die kontrapunktisch gesetzt dem oft durchgängig dramatischen Geschehen etwas wieder die Luft entziehen, sind es bestimmt die Stellen zu Hitlers Selbstmord, die zu den intensivsten Momenten des Buches zählen. Das liegt natürlich auch in diesem Fall an der schieren Quantität der Zitate, denn Kempowski konnte ja durch die Anzahl das Gewicht der einzelnen Themen bestimmen. Überhaupt kann hierbei wohl nicht oft genug betont werden, wie schwierig dieses Echolot-Unternehmen gerade in bezug auf die Auswahl war, denn sicherlich stand Kempowski noch viel mehr Material zur Verfügung. Dabei ging es ihm aber eher darum, eine Vielzahl verschiedener Stimmen zum Klingen zu bringen, als durch eine stärker dirigierende Selektion eine weltanschauliche Vorstellung vorzugeben. Um es konkret zu machen: Die Greueltaten russischer Soldaten an deutschen Frauen durften so wenig unerwähnt bleiben wie sie im gegenteiligen Fall durch eine zu häufige Schilderung vielleicht dann für Ressentiments gesorgt hätten.

W.G. Sebald, der sich ja auf seine ganze eigene Weise mit der Geschichte, den Wurzeln und den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs beschäftigt hat, gab in einem Interview zu verstehen, dass es doch zum einen gut sei, dass Walter Kempowski diese autobiographischen Materialien archiviert und eine Auswahl davon als Echolot publiziert hat. Er gab aber auch zu bedenken, dass dieses Unternehmen nur für Historiker von Interesse wäre und rein gar nichts mit Literatur zu tun hätte. Dem ist nicht so, denn die subtile Auswahl und das kunstvolle Arrangement stellen sich quer zu den kalkulierbaren Mechanismen von Sekundärliteratur. Der Leser merkt schnell wie mehrdeutig der „Abgesang ´45“ auch nach häufigerem Lesen ist und grübelt zum Beispiel über den Einsatz der Hölderlinschen Frühlingsgedichte, die am Ende jedes einzelnen Tages stehen, nach.

Thomas Combrink


Beeindruckendes Zeugnis

„Es kommt mir so vor, als müsse ich mit dem ‚Echolot’ Schuld abtragen. Ich habe mal ein Klassenfoto gesehen, auf dem waren die später dann Gefallenen mit Bleistift eingekreist. Das wirkte so, als ob man sie für den Tod ausgewählt hätte“, schrieb Walter Kempowski am 28. April 1992. Nachzulesen stehen diese Sätze in „Culpa“, einem Buch, das parallel zum zehnten und letzten Band des „Echolot“-Projekts erschienen ist.
„Abgesang ’45“ heißt der Schlussstein von Kempowskis kollektivem Tagebuch, das eigentlich weder einen Anfang noch ein Ende haben kann. 1993 waren die ersten vier Bände erschienen; sie umfassen die Monate Januar und Februar 1943. Sechs Jahre später folgten unter dem Titel „Fuga Furiosa“ weitere vier Bände, diesmal über den Januar/Februar 1945; „Barbarossa ’41“ von 2002 schließlich reicht von Juni bis Dezember 1941.

Nun also der zehnte Band, in dessen Zentrum vier Daten stehen: der 20., der 25. und der 30. April sowie der 8./9. Mai 1945. In gewohnter Manier hat Kempowski unzählige Quellen gesichtet, zahlreiche Passagen ausgewählt und diese in eine bestimmte Reihenfolge gebracht. Das daraus resultierende Nebeneinander der unterschiedlichsten, oft gegensätzlichsten Einträge führt nicht selten zu neuen, teilweise auch zu überraschenden Einsichten.

Ein Beispiel: Am 20. April – dem Geburtstag des „Führers“ – hält Franz Bittkowski im Kriegsgefangenenlager Bad Kreuznach fest: „Fast die ganze Nacht geregnet. Die Erkältung und Fieber noch schlimmer geworden. Noch weniger zu essen! Hin und wieder etwas Sonne. Aprilwetter, Entlausung. / Ein Kochgeschirr empfangen.“ Dagegen notiert „Ein deutscher Soldat“ in Rappenhof: „Strahlender Frühlingsmorgen, die ersten Kirschen blühen. Ich sitze in meinem Studierzimmerchen und lese in Hans Carossas ‚Geheimnisse des reifen Lebens’. Vor meinem Fenster gräbt ein ukrainischer Soldat unseren Garten um, ich habe ein unbehagliches Gefühl dabei, wie dieser Mensch sich für mich schindet, während ich hier untätig sitze.“ Und in Berlin prophezeit Goebbels in einer Rundfunkansprache: „Deutschland wird nach diesem Kriege in wenigen Jahren aufblühen wie nie zuvor. Seine zerstörten Landschaften und Provinzen werden mit neuen, schöneren Städten und Dörfern bebaut werden, in denen glückliche Menschen wohnen.“

Aufzeichnungen prominenter Politiker, Schriftsteller und Künstler stehen neben anonymen oder anonymisierten Beiträgen; öffentliche neben privaten; Notizen von Thomas Mann, Hans Henny Jahnn oder Kurt Weill neben denen namenloser Frauen und Männer; Protokolle von Lagebesprechungen im Führerbunker oder Auszüge aus dem „Politischen Testament“ Hitlers neben Äußerungen von KZ-Häftlingen. Ein kurzer Auszug aus dem Bestattungsregister der St. Georgen-Parochialgemeinde in Berlin-Prenzlauer Berg verzeichnet unter „Bemerkungen“ allein am 25. April sechs Mal „Freitod“ bzw. „Selbstmord“.

Die ersten Einträge vom 8./9. Mai 1945 – Deutschland hat kapituliert – sind Stellungnahmen der Alliierten: Winston Churchill, Harry S. Truman, Josef Stalin und Charles de Gaulle. Während Truman erklärt: „General Eisenhower hat mir mitgeteilt, daß die Streitkräfte Deutschlands sich den Vereinten Nationen ergeben haben. Die Fahne der Freiheit weht wieder über ganz Europa“, stellt de Gaulle fest: „Der Krieg ist gewonnen. Der Sieg ist da, der Sieg der vereinten Nationen, und das ist der Sieg Frankreichs.“

Ohne Zweifel: „Das Echolot. Abgesang ’45“ ist ein beeindruckendes Zeugnis vom Ende des Dritten Reiches und sicher eines der interessantesten Bücher in der Flut von Neuerscheinungen zum Thema ‚60 Jahre Kriegsende’. Doch muss man bei allem Respekt vor Kempowskis akribischer Archivarbeit auch die Frage stellen dürfen, ob das Projekt nicht doch insgesamt überbewertet ist. Zu wenig erfährt man von den einzelnen, insbesondere den unbekannten Beiträgerinnen und Beiträgern, zu kurz sind häufig die aufgenommenen Passagen. Und bis heute ist nicht klar, nach welchen Kriterien Kempowskis ‚Echolot-Prinzip’ genau funktioniert.

Hier hilft auch der eingangs zitierte Ergänzungsband „Culpa“ kaum weiter, der über die Notizen des Autors hinaus auch einige Anmerkungen seiner Mitarbeiterin Simone Neteler enthält. Zwar wird nachvollziehbar, wie sich die Konzeption des Unternehmens entwickelte. Auch erfährt man einiges über Kempowskis wenig versöhnlichen Umgang mit Kritik. Doch im Grunde genommen lässt die Ankündigung eines solchen Buches mehr erwarten. Und ob die Tagebuchform in diesem Fall angemessen ist, sei dahingestellt; ein Essay hätte es vielleicht auch getan.

Interessanter und aufschlussreicher als die Notizen des 1929 in Rostock geborenen Autors ist das Nachwort von Karl Heinz Bittel, Kempowskis langjährigem Lektor. Unter dem Titel „Beschreibung eines Kampfes. Über die Entstehung von Walter Kempowskis ‚Echolot’“ verdeutlicht er nicht zuletzt die Perspektive des Verlags, der die ökonomische Seite des Projekts nicht außer Acht lassen konnte und wollte.

Abschließend seien die Aufzeichnungen des Rotarmisten Leonid Woitenko zitiert, die den knappen Epilog von „Abgesang ’45“ beschließen und das Tagebuchschreiben selbst eindrucksvoll in den Mittelpunkt rücken. Woitenko berichtet von seinem bei Erkner gefallenen Kameraden Popow:

„Kurz vor Berlin war sein [Popows; F.Th.G.] Tagebuch spurlos verschwunden. Er hat es heftig gesucht, hohe Belohnungen dafür versprochen, hat es sogar dem Bataillonskommandeur gemeldet. Er weinte! ‚Alles vorbei. Über zwei Jahre habe ich jedes Dorf eingetragen, jeden Meter des zurückgelegten Weges beschrieben, von Stalingrad bis Berlin. Nun wird man mein Buch zum Zigarettendrehen verwenden. Nein, sowas ertrage ich nicht. Dann schon lieber die feindliche Kugel …’
So grämte er sich etwa eine Woche lang, und eine feindliche Kugel hat ihn dann gefunden. Eine deutsche Panzereinheit war bei Erkner durchbrochen, und unser Bataillon war schwer mitgenommen. In diesem Kampf fiel der Kriegstagebuchverfasser Popow. Am nächsten Morgen haben wir sein Heft hinter der Rückenlehne seines LKWs gefunden. Er hat es wohl selbst dorthin gesteckt und in der Hektik der Kämpfe vergessen.“

Frank Thomas Grub


Walter Kempowski: Das Echolot. Abgesang ’45.
Ein kollektives Tagebuch.
Albrecht Knaus Verlag, München 2005.
Geb. 495 S. 49,90 ¤.
ISBN 3-8135-0249-X

Walter Kempowski: Culpa. Notizen zum „Echolot“. Mit Seitenhieben von Simone Neteler und einem Nachwort von Karl Heinz Bittel.
Albrecht Knaus Verlag, München 2005.
Klappenbroschur. 384 S. 19,90 ¤.
ISBN 3-8135-0254-6

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