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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:47

 

Lia Nirgad: Winter in Qualandia

14.04.2005

Zwischen Jerusalem und Ramallah - Protokoll einer Besetzung

Die israelische Schriftstellerin und Journalistin erzählt von ihren Erlebnissen und Begegnungen an einem der größten Kontrollpunkte der israelischen Armee.

 

“Ich reiß’ dir den Arsch auf!” - “Red nicht so mit ihm!” Ein Streit auf der Straße, geführt auf Hebräisch, könnte ein Streit an jedem beliebigen Ort in Israel sein. Aber es handelt sich um einen besonderen Ort, eine Straßensperre auf dem Weg in die palästinensischen Gebiete. Das Besondere sind auch seine Teilnehmer. Israelische Soldaten auf der einen Seite, israelische Frauen auf der anderen.

Lia Nirgad ist eine von ihnen. Sie gehört zur Gruppe Machsom Watch. Die Wächterinnen. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, an den Kontrollpunkten der israelischen Armee den Umgang der Soldaten mit der palästinensischen Bevölkerung zu beobachten und zu protokollieren. Die israelische Schriftstellerin und Journalistin hat ihre Beobachtungen in diesem Band zusammengefaßt. Sie erzählt von ihren Erlebnissen und Begegnungen an einem der größten Kontrollpunkte.

Qualandia ist ein Checkpoint auf der Straße von Jerusalem nach Ramallah. Obwohl keine Grenzen sichtbar sind, entsteht um die Sperre herum ein Niemandsland. In dem Palästinenser in langen Schlangen darauf warten, die unsichtbare Grenze passieren zu dürfen. Es sind keine Supermarktschlangen, jedem Wetter ausgesetzt, der Willkür der Soldaten ausgeliefert, warten auch Alte und Kranke oft vergeblich. Was woanders zählt, zählt hier nicht. Am Kontrollposten gibt es ein spezifisches Vokabular, gar eine neue Geografie. Hier ist “New Jersey” der Warteplatz für die Abgelehnten, die keinen gültigen Passierschein aufweisen können oder auf keinen wohlwollenden Soldaten treffen.

Der humane Checkpoint ist ein Paradox. Es sind Drehkreuze von hohem emotio-nalen Potential. Die Mahn- und Beobachtungswachen der Frauen vermitteln, üben Druck aus und schaffen Öffentlichkeit. Es ist ein rauhes Klima, manchmal kommen sie nur mit Galgenhumor weiter.
Aber die couragierten Frauen stören auch. Die Wächterinnen sind harter Kritik ausgesetzt. Sie gelten als Nestbeschmutzerinnen.Das Anprangern der Asymmetrie der Mittel steht gegen die Angst vor dem Terror. Der arabisch-palästinensische Konflikt wird zu einem innerisraelischen. Den ausgerechnet nach Deutschland zu tragen ist für viele eine Zumutung. Der deutschen Ausgabe ist ein Nachwort bei-gefügt. Die Familiengeschichte der Autorin vermittelt, aber sie kann auch nicht alles erklären. Bittere Dinge versperren sich einfachen Erklärungen gegenüber, da kann man nur noch erzählen. Aber auch dies kann sehr erschütternd sein.

Maggie Thieme


Lia Nirgad: Winter in Qualandia
Aus dem Hebräischen von Abraham Melzer
Melzer Verlag, Neu-Isenburg 2005,
288 S. 14,95 ¤
ISBN: 3937389571

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