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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 02:49

 

K.-M. Gauß: Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone

23.06.2005

 
Was hat der Osten was wir nicht haben?

Karl-Markus Gauß hat danach gesucht und in seinem Buch Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone beschrieben.

 

Ach wäre es schön, wenn wir mit der EU-Erweiterung nach Osten auch einige ungarische Speisewagen mitsamt den Kellnern, Speisen und Reisenden ins nördliche Deutschland bekämen. Speisewagen, wie sie der Zug Bartok Bela, der zwischen Ungarn und München pendelt, mit sich führt. Dann wären solche öden Strecken wie zum Beispiel Hamburg-Kassel ein reines Vergnügen.

Die ungarischen Kellner lassen sich weder durch schwankende Wagons noch durch stark betrunkene Reisende aus der Ruhe bringen. Nur der Wunsch nach einer Käseplatte macht sie ärgerlich. Das verletzt ihren Stolz, viel besser wären doch Szegedinergulyas, Hortobagypalatschinken oder Zander auf Reis. Karl-Markus Gauß trifft in diesem Speisewagen Gyula Nemeth, der seit fünfzehn Jahren jeden Dienstag von München nach Ungarn fährt. "Er registriert, was sich dort alles ändert, um mit seiner mittlerweise von ihm geschiedenen Frau und den beiden groß gewordenen Kindern 21 Stunden zu verbringen." Mittwochs reist Nemeth zurück in sein Münchner Architekturbüro und ärgert sich über die Deutschen, die so ungarisch geworden sind "schlampig, nachlässig" und über die Ungarn, die inzwischen so deutsch arbeiten "effektiv, ausdauernd, grimmig".

Gauß besuchte kurz vor der Osterweiterung der EU, die er eine "Westerweiterung" nennt, die Beitrittsländer und schrieb seine Eindrücke auf. Er kam durch staubige Kleinstädte, halbverlassene Dörfer, überquellende Märkte und Tempel des Konsums. Es gab für ihn nicht nur das Glück des Reisens, sondern: "Natürlich auch die Enttäuschung des Reisenden, der an Orte zurückkehrt, die ihn bezaubert haben." So ein Ort ist für ihn Krakau, das ihn 1993 noch begeisterte mit seinem unversehrt erhaltenen Zentrum, der eigentümlichen Verbindung von Licht und Düsternis, Lebensfreude und Melancholie.

Und heute? Gauß traf Bekannte wieder: Zdenek, einst ein witziger, frecher Kerl, hat es mittlerweise zu einer Villa und der dazugehörigen Angst gebracht und sagt empört über die faulen Proleten des Landes: "Jetzt stehlen sie sogar schon unsere eigenen Autos." Gauß ist ernüchtert, weil man sich in Polen kaum für ihn oder sein Heimatland Österreich interessiert. "Alle sind mit ihren Geschäften und ihren Enttäuschungen beschäftigt", sagt Marek, der polnische Zeichner, dem es materiell so schlecht geht wir nie zuvor.

Viele Menschen in Osteuropa leben ganz selbstverständlich mit den Gegensätzen in ihrem Land. In Litauen halten drei Frauen, eine Mutter mit ihren Töchtern, von denen die eine in Vilnius Informatik studiert und die andere Englischlehrerin ist, ihr Pferdefuhrwerk an. Sie sind von tatarischer Herkunft und sprechen Litauisch, Russisch, Weißrussisch und Polnisch aber kein Tatarisch. Was denn das Tatarische an ihnen sei, fragt Gauß. "Wir sind keine Juden und keine Christen, sondern Muslime, natürlich!" Die Verwandschaft dieser Frauen zeigt sich durch ein beständiges, aufmunterndes Nicken.

Und so wie dieses Nicken sichtbar wird, so laufen während des Lesens auch andere Szenen vor dem inneren Auge ab. Etwa wie die in den Straßen von Riga. Hier stehen vor den Luxusrestaurants "lange Reihen alter Frauen, denen das Betteln eine Demütigung bedeutet, mit der sie im Leben nicht mehr gerechnet hatten, und die, gesenkten Blickes, die geöffnete Hand nicht auszustrecken wagen, sondern beschämt an den Leib drücken".

Einen Fehler hat das Buch. Es ist eindeutig zu kurz. Trost bieten hier die zahlreichen schwarzweiß Fotos von Kurt Kaindl und die CD mit den Wirtshausgesprächen, mit deren Hilfe man die Bahnfahrt durch Deutschland auch ohne ungarischen Speisewagen überstehen kann.

Astrid Thomsen


Karl-Markus Gauß: Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone.
Fotos von Kurt Kaindl
Verlag: Otto Müller Salzburg, 2005,
Gebunden. 88 Seiten. 17,- Euro.
ISBN:3-7013-1102-1

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