Evelyn Roll: Die Erste. Angela Merkels Weg zur Macht
14.07.2005
Kopf voraus
Dieser Biographie geht es in erster Linie um den Menschen Merkel, nicht um die Funktionsträgerin, die für eine bestimmte politische Richtung steht, für bestimmte Interessen.
Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn die vorgezogene Bundestagswahl und die Nominierung Angela Merkels zur Kanzlerkandidatin der CDU/CSU eine Konjunktur, um nicht zu sagen: eine Inflation von Publikationen über die CDU-Chefin auslöst. Zu den ersten Büchern, die auf den Markt kamen, gehört die überarbeitete Auflage einer bereits 2001 veröffentlichten Biographie. Zehn Kapitel wurden geringfügig verändert übernommen, zwei neue kamen hinzu.
Die Autorin, Evelyn Roll, ist Redakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Mit dieser Adresse assoziiert man, meist mit gutem Grund, Qualitätsjournalismus und eine im weiteren Verständnis linksliberale politische Position. Diese Kennzeichnung dürfte Evelyn Roll gerecht werden. Zu den besonderen Qualitäten ihres Buchs gehört der Stil. Es liest sich fast wie ein Roman. Das zielt nicht auf die Glaubwürdigkeit. Aber auch nicht fiktive Biographien lassen sich erzählen wie erfundene, und das tut der Lesbarkeit gewiss nicht Abbruch. Bei manchen Formulierungen im heutigen Modejargon allerdings mag es Geschmackssache sein, ob man sie goutiert. Der Rezensent gesteht, dass er allergisch reagiert, wenn einem Café attestiert wird, es sei „nicht gerade penetrant angesagt“. Angesagt werden für ihn immer noch bevorstehende Ereignisse, für die eben ein Ansager zuständig ist, und wenn wir gerade dabei sind: gut aufgestellt ist für ihn allenfalls eine Skulptur in der Fußgängerzone.
Evelyn Roll macht plausibel, wie nachhaltig die Sozialisation in der DDR, genauer: als Außenseiterin in der DDR Angela Merkel geprägt hat. In der Tat unterscheidet sie sich ja erkennbar von Westpolitikern ihrer Partei, und möglicherweise ist dabei das Geschlecht, verglichen mit der Herkunft, von sekundärer Bedeutung.
Die Biographin durchbricht in ihrer Darstellung die Chronologie, bringt verschiedene Zeitpunkte in Zusammenhänge. Sie stützt sich auf Selbstaussagen Angela Merkels und auf Zeugnisse von Menschen, die sie besser oder auch von ferne kannten und kennen. Sie rekonstruiert vergangene Situationen und schildert Gegenwärtiges im Reportagestil. Manchmal wird’s auch läppisch. Wollen wir wirklich wissen, dass die Zwergterrier-Dame von Lothar de Maizière das Handgelenk von Frau Roll beschnuppert hat?
Evelyn Roll bringt ihrer Protagonistin durchaus Sympathie entgegen, aber sie schönt sie nicht. Das folgende Zitat mag als Beispiel gelten für die ebenso genaue wie unschmeichelhafte Beobachtung der Autorin: „Wie sie da im Maggie-Thatcher-Sturmschritt über den Alexanderplatz auf den Fernsehturm zukommt, eine Kampfmaschine im schwarzen Hosenanzug, den Kopf voraus, im Gesicht diese angestrengte, konzentrierte und unendliche Müdigkeit.“
Die Nähe zum Objekt der Beschreibung hat freilich auch zur Folge, dass die Biographie arg menschelt. Immerhin wird die Zukunft der Republik möglicherweise maßgeblich von dieser Frau abhängen. Da wünschte man sich mehr politische Analyse und weniger Psychologie. Das freilich ist nicht Ziel dieser Biographie. Ihr geht es in erster Linie um den Menschen Merkel, nicht um die Funktionsträgerin (in der marxistischen Terminologie: um die Charaktermaske), die für eine bestimmte politische Richtung steht, für bestimmte Interessen. Nebenfiguren kommen nicht immer so gut weg wie „Die Erste“. Von Guido Westerwelle heißt es: „Ihm gelang es, ausschließlich durch eine penetrante Öffentlichkeitsstrategie geradezu umgekehrt proportional zur Bedeutung und Stärke der FDP in den Medien präsent zu sein.“ (Hier ist das Attribut „penetrant“ jedenfalls am Platze.)
So nebenbei erfährt man auch Anekdotisches über Alice Schwarzer, die, obwohl sie die Queen und Maggie Thatcher für viel besser hält „als alles, was kleine Mädchen in Deutschland zu sehen bekommen“, laut Evelyn Roll „als kämpferisch links“ gilt. Nach Lektüre ihres Buchs wird niemand mehr dieser Täuschung erliegen.
Parteiübergreifender Feminismus führt auch der Merkel-Biographin zunehmend die Feder. „Frauen werden in Deutschland immer unterschätzt.“ Immer? Auch Elke Heidenreich? Oder Sabine Christiansen? Oder Gabriele Henkel? Am Ende steht auch bei Evelyn Roll die Frage, ob man Angela Merkel als Kanzler oder als Kanzlerin ansprechen wird. Was für eine Politik sie machen wird, scheint da weniger wichtig.
Thomas Rothschild
Evelyn Roll: Die Erste. Angela Merkels Weg zur Macht. rororo 62128, 2005. Taschenbuch. 367 S. ¤ 9.90. ISBN 3-499-62128-2
|
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
Maigrüße
Ich liebe den 1. Mai. Tag der Arbeit! Der Tag an dem wir den Vorkämpfern der Arbeiterbewegung gedenken. Der Tag, an dem wir demütig unsere Häupter neigen vor | weiterlesen
Augenblicke des »alten Europa«
Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.
Von WOLFRAM SCHÜTTE
»Scheißwald, Scheißnatur, ey!«
Leicht grenzwertig diesmal, möchte man meinen. Setzt das gewöhnliche Schema von Mord, Aufklärung, Festnahme etwa Schimmel an? Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) geht dem Hinweis auf ...
Maler der Farben und Formen
Üppige Figuren und bunte Farben sind die Markenzeichen des kolumbianischen Malers Fernando Botero. Anlässlich seines 80. Geburtstags zeigt die Galerie Samuelis Baumgarte Bilder, ...
Toppreis für Ihr Zahngold
Mit Die Sorgen der Killer empfiehlt sich Guido Rohm einmal mehr als Avantegardist der deutschen Kriminalliteratur.
Von THOR KUNKEL
Verstaubt ohne Ende
Bullenklatschen ist ein irreführender Titel, aber er provoziert – das ließe sich genauso über den Film sagen. Provozierend das Personal: eine Anarcho-Fete. Jedenfalls ...
Kampf der Superlative
Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...
|