Jörg Blech: Heillose Medizin...
15.09.2005
Das Geschäft mit der Übertherapie
Der Spiegel-Autor hat nutzlose Medikamente und Operationen genauer untersucht. Mittels Statistiken wertet er Therapien im Gesundheitssystem aus und sieht sich ihre Wirksamkeit genauer an.
Der Spiegel-Autor Blech hat schon Erfahrung mit dem Thema Gesundheit. Sein erstes Buch „Die Krankheitserfinder“ war wochenlang auf den Bestsellerlisten ganz oben. Erfunden werden seiner Ansicht nach zahlreiche Krankheiten (wie zum Beispiel die Wechseljahre der Männer), die es eigentlich nicht gibt, die aber ganz prima die Geldbörsen der Mediziner auffetten und die Pharmaindustrie leben lassen.
Wirkungslose Therapien
Bei seinem zweiten Buch „Heillose Medizin“ bleibt Jörg Blech dem Gesundheits- oder besser Krankheitsthema treu. Diesmal geht es um Medizin, die nicht heilt, sondern nur kostet. Viele Therapien machen nicht gesund, sie sind im besten Fall unwirksam, manchmal sogar schädlich, verursachen jedoch sehr hohe Kosten.
Welche Medikamente und Operationen werden vom Gesundheitsjournalisten nun angeprangert? Es geht um Therapien gegen die großen Volkskrankheiten wie Alzheimer, Krebs, Bandscheibenoperation und Herzkrankheiten. Was medizinisch möglich ist, wird gemacht. Auch wenn es nachweislich nichts bringt.
Scheinoperationen heilen auch
Ob Jörg Blech mit seiner Kritik ein wenig übertreibt, sei dahin gestellt. Nachdenklich stimmt jedoch, dass viele Ärzte für sich selbst zahlreiche Operationen ablehnen. Nichtmedizinern werden um 47 Prozent häufiger die Mandeln entfernt als Ärzten, bei Leistenbrüchen gibt es für Normalbürger 53 Prozent mehr Operationen und bei Gallenblasenentfernungen sogar um 84 Prozent mehr als bei Medizinern. Auch Entfernung der Gebärmutter und Hämorrhoidenoperationen lassen die Ärzte an sich selbst deutlich seltener durchführen. Warum? Weil sie den Nutzen dieser Eingriffe bezweifeln?
Ein weiterer Aspekt sind Scheinoperationen, die auch heilen. Zitiert werden Studien, bei denen Patienten nur eine kleine Narbe zugefügt wurde (am Kniegelenk oder am Rücken), man ließ sie im Glauben, sie wären operiert worden. Und tatsächlich ging es ihnen genauso gut wie der operierten Vergleichsgruppe.
Diagnose als Krankheitsrisiko
Der Spiegel-Autor kommt zu dem Schluss: Diagnosen sind die häufigsten Krankheiten. Sobald ein bestimmtes Organ bemerkt wird, ist man auch schon krank. Denn auch ein vollkommen gesunder Mensch (im Sinne von beschwerdefrei) trägt Störungen in sich. Durch das Verschieben der Grenzwerte werden Krankheiten ausgeweitet. Durch übertriebene Vorsorgeuntersuchungen wird die Zeit der Krankheit nach vorne verschoben, das Leben aber nicht unbedingt verlängert.
Jörg Blech untermauert seine Behauptungen mit zahlreichen Studien und belegt seine Vorwürfe sehr gut. Dabei bleibt das Buch leicht lesbar, als Journalist versteht Blech sein Handwerk. Im Reigen der zahlreichen medizinkritischen Bücher am Markt gehört „Heillose Medizin“ sicher zu den interessantesten!
Maria-Bernadette Ehrenhuber
Jörg Blech: Heillose Medizin. Fragwürdige Therapien und wie sie sich davor schützen können.
Fischer 2005
17,90 Euro, 240 Seiten
ISBN 3-10-004413-4