S. Lehnartz: Global Players. Warum wir nicht mehr erwachsen werden.
08.12.2005
Kabarettistischer Essayismus
Der Trend, den der Autor beobachtet und beschreibt, hat schon vor einigen Jahrzehnten begonnen. In der Tat: man konnte ihn seit langem feststellen. Aber so ist das bei „Trends“. Es dauert immer ein wenig, bis der „Spiegel“ eine Titelstory daraus macht und Journalisten ihre Bücher nachliefern.
Sascha Lehnartz lässt die Katze noch vor dem ersten Kapitel aus dem Sack: Er nennt den Ansatz seiner Arbeit „kabarettistischen Essayismus“ und fügt hinzu: „Es stimmt vielleicht nicht immer alles, aber wenn’s lustig wird, war etwas Wahres dran.“ Damit gleicht er sich selbst seinem Gegenstand an: der Infantilisierung unserer Gesellschaft. Denn zum Erwachsenwerden gehört Seriosität. Ein Kind kann daherreden, und ob es stimmt oder nicht, ist nicht so entscheidend. Vom Erwachsenen hingegen erwartet man, wenn er sich ein soziologisches Problem vornimmt, eine überprüfbare Wahrheit. Die ist oft nicht lustig. Lustig aber soll’s zugehen im Buch über eine Welt, in der es immerfort lustig zugehen soll. Soviel Mimikry war selten.
Das liest sich denn auch entsprechend entspannt. Der Erkenntnisgewinn freilich ist begrenzt. Zum „kabarettistischen Essayismus“ gehört die Sprunghaftigkeit der Gedanken. Pointen werden aneinandergereiht, auf eine stringente Argumentation wird verzichtet. So plappern Kinder daher. Sie sprechen aus, was ihnen gerade einfällt, unbekümmert um den Zuhörer, der auf den Zusammenhang hofft. Natürlich weiß Lehnartz viel mehr als ein Kind. Er ist Journalist und bekommt im Laufe des Tages eine Menge mit. Das wird aufgerufen, zitiert, halb verdaut weitergegeben. Lehnartz reproduziert die Quiz-Bildung der Unterhaltungsshows: die Benennung ersetzt den Gedanken. Kabarett? Nun ja, Georg Schramm ist nicht nur um einiges witziger, er ist auch intelligenter und politischer. Denn der Drang, „lustig“ zu sein, garantiert noch nicht, dass der Adressat auch tatsächlich lacht. Ohne die Anstrengung der genauen Analyse sind auch Pointen platt.
Ätsch, reingefallen. Das war natürlich nur Rollenprosa, ein Kapitel lang. Das Ich, das da sprach, war nicht Sascha Lehnartz. Der übte sich tatsächlich nur in Mimikry. Also folgen Fakten und Diagnosen. Der „kabarettistische Essayismus“ wird zugunsten journalistischer Recherche beurlaubt. Da erfahren wir zum Beispiel Bemerkenswertes über die Tendenz von Jugendlichen, die Abnabelung von den Eltern in die Länge zu ziehen – einigermaßen exotisch für vorausgegangene Generationen, die, hätte es die Ökonomie nur erlaubt, lieber heute als morgen das elterliche Heim verlassen hätten. Lehnartz wertet Forschungsergebnisse, nicht nur aus Deutschland, aus, die seine These bestätigen, dass wir – oder die anderen – nicht mehr erwachsen werden. Überversorgung ebenso wie Not führen, so weist er nach, zurück in die Dauer-Kindheit.
Lehnartz verzichtet auf monokausale Erklärungen. Er führt politische, soziale, psychische, biologische Ursachen an für die „Dauerverjugendlichung“, die er auch nicht von vornherein grundsätzlich verurteilt. Aus den diversen Angeboten kann sich der Leser jene aussuchen, die ihm am sympathischsten sind, weil er sich von ihnen am wenigsten attackiert fühlt. Sie müssen nicht stimmen. Es wird schon was Wahres dran sein.
Im Einzelnen knöpft sich Lehnartz die Pop-Kultur im engeren Sinne vor – es gibt eine ausführliche Reportage über Graceland – und auch die „Gegenkultur“, genauer: die „Gegenkulturen“ der 68er, für die der 1969 geborene Autor wenig Sympathien empfindet. (Zum Glück gibt es Peter Hahne: den verachtet Lehnartz noch mehr als die von diesem verabscheuten 68er.) Will sagen: der Trend, den Lehnartz beobachtet und beschreibt, hat schon vor einigen Jahrzehnten begonnen. In der Tat: man konnte ihn seit langem feststellen. Aber so ist das bei „Trends“. Es dauert immer ein wenig, bis der „Spiegel“ eine Titelstory daraus macht und Journalisten ihre Bücher nachliefern.
In seinen Ausführungen zu Varianten der Gegenkultur gerät Lehnartz vorübergehend sein Gegenstand aus dem Visier. Da wurde wohl Material verwertet, das er für andere Storys gesammelt hatte. Ein Satz wie dieser ist jedenfalls bedenkenswert: „Elvis und Marlon Brando verkörpern die beiden elementaren Grundhaltungen des Pop: Regression und Rebellion.“ Ob diese Haltungen freilich aufgerechnet werden können mit der Leidenschaft erwachsener Leser von „Harry Potter“, lässt sich bezweifeln. Anders als diese waren die Fans von Elvis und Brando eher jünger als ihre Idole. Die Älteren haben damals ihre Regression, wenn es denn eine war, nicht nachvollzogen, sondern verabscheut.
Im letzten Kapitel verrät uns Sascha Lehnartz, was ihn bei der Arbeit am Buch ereilte: Seine Freundin hat ihn verlassen. Tut uns leid, Sascha. Aber prompt verfällt der „Outgesourcte“ wieder in das assoziative Gestammel des ersten Kapitels – und diesmal ist es keine Rollenprosa. „Kabarettistischer Essayismus“ oder die Rache des Objekts? Ist Sascha Lehnartz zuletzt zum Opfer einer Entwicklung geworden, die zu dokumentieren er ausgezogen war? Gilt gar für Lehnartz, was er von Peter Hahne sagt: dass sein Traktat „ein ausgesprochen repräsentatives Produkt jener Gesellschaft (ist), deren Ende er zu dekretieren wünscht“? So streng wollen wir nicht sein. Wenn’s lustig war, ist bekanntlich etwas Wahres dran…
Thomas Rothschild
Sascha Lehnartz: Global Players. Warum wir nicht mehr erwachsen werden. Fischer Taschenbuch, 2005. Gebunden. 286 S. ¤ 12,90. ISBN 3-596-16368-4.
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