Sewjan I. Weinshtein: Geheimnisvolles Tuwa
15.12.2005
Böse Geister in der endlosen Weite Sibiriens
Wie ausgedehnt und ausdauernd man sich einem (fast) einzigen Thema in seinem Leben widmen kann, lässt sich am Beispiel des russischen Forschers und Ethnologen Sew'jan I. Weinshtein erkennen, der mit vollständiger Hingabe und Engagement das Volk der Tuwa erforscht hat.
Nach dem er 1950 ein Studium der Völkerkunde abgeschlossen hatte, in dem er sich schon mit dem sibirischen Volk der Keten beschäftigte, reiste er noch im selben Jahr nach Tuwa. Weinshtein führte vom 7. Juli 1951 an ein Tagebuch, in dem seine Erlebnisse, Forschungen und Begegnungen niedergeschrieben sind. Nun legt er ein umfangreiches Buch vor, dass spannend und mit großer zuneigender Geste von einem weitgehend unbekannten Volk erzählt.
Die im Süden von der Mongolei, im Norden vom Sajan-Gebirge begrenzte Landschaft nimmt eine Fläche von ca. 169000 qkm ein. Sie zu erforschen stellte ein ungeheuer aufwändiges und dennoch mit einfachen Mitteln zustande gekommenes Unternehmen dar. Weinshtein ging den Spuren nomadisierender Viehzüchter nach und beschreibt, welches Schicksal der Buddhismus in Tuwa erleiden musste. 1963 begegnete er dem bedeutenden tuwinischen Schamanen "Schontschurcham", den er in dessen Behausung aufsuchte und der sogar damit einverstanden war, für den Forscher eine "Beschwörung" zu veranstalten. Erst bei völliger Dunkelheit legte der Schamane seine kultische Ausrüstung an – "Kopfschmuck, Stiefel und den schweren Kaftan". Das auch für den Schamanen körperlich anspruchsvolle Ritual dauerte eine ganze Zeit lang, bevor der böse Geist das Zeitliche segnete: "Voller Verachtung gab er dem bösen Geist einen Tritt und trampelte an-schließend auf ihm herum."
Auch die hierorts diskutierte Streitfrage, ob Kühe unter Musikberieselung mehr Milch geben als ihre unbeschallten Artgenossinnen, greift Sew'jan I. Weinshtein in seiner großen Betrachtung auf. Besonders dieses Kapitel ("Musikalische Emotionen bei Kühen?") erlaubt erstaunliche Einsichten in seine Forschungsarbeiten. Eine zweite Seite der Tuwa-Musik beschäftigte ihn genauso ausführlich. Gemeint ist die Kunst des Kehlkopfgesangs, von dem die berühmte Sängerin Sainkho Namtchylak auf der beiliegenden DVD interessante Kostproben liefert. Der Kehlkopfgesang "ist nicht nur im eigenen Land und weit über dessen Grenzen hinaus bekannt, sondern auch, so möchte man fast sagen, sogar populär geworden." Eine Einschätzung, die zweifellos richtig ist.
Apropos DVD. Sie begleitet das auch graphisch sehr ansprechende Buch Weinshteins mit fantastischen Bildern, in denen die weitläufige Landschaft, die Menschen, die Tiere und die Musik mit viel Zuneigung und unverstelltem Naturrespekt dargestellt sind. Der junge Regisseur Leonid Kruglow zeichnete gemeinsam mit Weinshtein dessen Reise nach. Die farbigen Aufnahmen werden durch schwarz-weiß Szenen unterbrochen, die einen Blick auf die Historie des Volkes der Tuwa erlauben. "Genähte Pfeile" ist ein faszinierendes Dokument, voller bezaubernder Landschaftsaufnahmen und Begegnungen mit Menschen. Im Bonusbereich der DVD zeugen zahlreiche Tonbeispiele von der vielfältigen Musik der Tuwa.
Klaus Hübner
Sew'jan I. Weinshtein: Geheimnisvolles Tuwa. Expeditionen in das Herz Asiens. Aus dem Rus-sischen von Sew'jan I. Weinshtein. Buch mit DVD. Hardcover. Alouette Verlag. Oststeinbek 2005. 264 Seiten. ISBN 3-924324-11-5. 39,90 Euro.