Thomas Knieper, Marion G. Müller (Hg.): War Visions.
15.03.2006
Bildgeschichten
Wo tausend Worte niemals reichen würden oder auch wo jeglicher Kommentar überflüssig erscheint – dort erzählt im Krieg das Bild eine eigene Geschichte. Doch so wie die verbale Wahrheit oft in Frage gestellt wird, verliert auch das Medium Bild seine bisweilen unangetastete Glaubwürdigkeit immer mehr.
Nach jahrzehntelanger Forschung auf der Textebene scheint die Zeit angebrochen, in der man sich der akribischen Untersuchung visueller Kommunikation widmet; mit ihrem Werk leisten Thomas Knieper und Marion G. Müller hierzu einen wichtigen Beitrag.
War Visions beleuchtet die visuelle Berichterstattung vor, während sowie nach Kriegen und Terrorakten. Die Autoren gehen drückenden Fragen nach, die bei der Medienrezeption oft so klar auf der Hand liegen, sich aber meist nur schwer beantworten lassen: Wie objektiv ist die visuelle Darstellung? Welche Wirkung entfalten die für die Publikation ausgewählten Bilder? Und: Welche Rolle spielen die Medienbilder im Kalkül der Terroristen und Kriegführenden?
Der Sammelband gibt zu jedem Teilgebiet den aktuellen Forschungsstand wieder und spürt damit die Tendenzen der Kriegsvisualisierung auf. Der umfassende Überblick zur Entwicklungsgeschichte der Bildkommunikation bildet eine interessante Grundlage, um die Vorgänge von heute in einen weiten geschichtlichen Kontext einordnen zu können. In einem eigenen Kapitel gehen die Autoren darauf ein, auf welchen Wegen und in welcher Form die Kriegsbilder Einlass in die Kultur unserer Gesellschaft finden: Computerspiele und Comics sind hier eine beliebte Form. Außerdem wird sehr offen dargestellt, wie sich die Politik vom Krieg geschaffene Ikonen und Helden zunutze macht, indem sie diese strategisch einsetzt [– woraus ein Wechselspiel zwischen mediatisierter Aktion und Reaktion entsteht: Nutzten die Terroristen des 11. September die Massenmedien, um die Bilder ihrer Tat durch die Welt zu schicken, so folgten als Antwort die Fotos der Leichen von Saddam Husseins Söhnen, darauf wiederum Exekutionsvideos, und so fort.
Insgesamt sind die über 400 Seiten eine thematisch anspruchsvolle Lektüre, deren Inhalt für den Leser nicht immer leicht verdaulich ist: Die 18 Einzelbeiträge fügen sich zu einer Sammlung zusammen, die eine traurige Wirklichkeit dokumentiert. Dass hierbei an Bildmaterial gespart wurde und die Beiträge fast durchgängig aus detailgenauen Beschreibungen bestehen, ist den Herausgebern in diesem Kontext wahrlich zugute zu halten. Die Autoren arbeiten und analysieren durchweg auf einer wissenschaftlichen Ebene, die es ihnen erlaubt, die Inhalte gleichzeitig ebenso anschaulich wie realitätsnah wiederzugeben.
Uta Leidenberger
Thomas Knieper, Marion G. Müller (Hg.): War Visions.
Bildkommunikation und Krieg.
Köln: Herbert von Halem Verlag 2005,
432 S.,
ISBN 3-931606-83-X,
¤ 32,-