Die Beantwortung von Fragen setzt voraus, dass diese überhaupt verstanden werden, und damit wird der eigentliche Knackpunkt der Einbürgerungsproblematik offensichtlich: die Sprache. Ohne sie kann kein kulturelles Verständnis wachsen, prallen Mentalitäten, also auch Machismo und veraltete Rollenbilder von Frauen, und verschiedene Religionen aufeinander, bleiben falsche Erwartungen an wirtschaftliche Realitäten ebenso bestehen wie Vorurteile und Respektlosigkeit.
Daraus entstehen Misstrauen und ein wachsendes Gefühl der Bedrohung. Die Atmosphäre ist mancherorts schon so, als wäre die gewalttätige Auseinandersetzung mit oder unter Migranten in Deutschland der Regelfall. Cineastisch zugespitzt wird dies aktuell in dem unter die Haut gehenden Kinofilm „Knallhart“ (siehe Besprechung
hier) von Detlev Buck gezeigt. Sehr realistisch ist allerdings, dass in der Filmhandlung die vermeintlich isolierten deutsch-türkischen Parallelwelten miteinander verwoben sind. Dabei ist auffällig, dass Frauen nur Nebenrollen spielen, auch wenn sie entscheidenden Einfluss nehmen durch ihre Zugehörigkeit zu oder Sympathiebekundungen für männliche Protagonisten. In dem Buch Typisch Türkin von Hilal Sezgin spielen Frauen die Hauptrolle. Umgekehrt nehmen hier die Männer entscheidenden Einfluss als die vermeintlichen Glücksbringer.
Ebenso verständnisvoll wie kritisch begegnet Sezgin ihren 19 Interviewpartnerinnen zwischen 25 und 45 Jahren, mit der nötigen Distanz kauft sie ihnen beileibe nicht alles ab, was diese der Interviewerin zu den Themen Familie, Männer, Liebe, Sex, Religion und Arbeit sagen.
Die Interviews werden nach Themenschwerpunkten zusammengefasst wiedergegeben, was es der Autorin erlaubt, Erklärungen oder Anmerkungen einzuflechten. Nie aber sind Sezgins Kommentare im Nachhinein unfair, auch wenn mancher Kommentar launig ausfällt etwa angesichts erkennbarer Widersprüche zwischen Wunschbild und Wirklichkeit auf der Suche nach dem Glück.
Sezgin geht es in ihrem Interviewband darum, entgegen der gängigen eindimensionalen Wahrnehmung bzw. Polarisierung im öffentlichen Diskurs anhand leicht erkennbarer Symbole – Stichwort Kopftuch –, Interesse zu wecken für die tatsächliche Vielfalt an Lebenswegen, die Türkinnen (und auch andere Migrantinnen) gehen. Ob Rechtsanwältin, Ärztin, Studentin oder „nur“ Hausfrau: viele der befragten Frauen wirken erstaunlich unabhängig und selbst bestimmt. Dabei wird deutlich, dass keine der jeweils mindestens zwei Seiten – Familie-Kind, Mann-Frau, türkisch-deutsch, muslimisch-christlich – ohne die andere gesehen werden kann, und schaut man genau hin anstatt zu pauschalisieren, sind die Übergänge im gelebten Alltag längst fließend.
Am Ende des Buches bleibt der beruhigende Eindruck: keine Gefahr, alles ist oder wird gut. Zumindest von den hier interviewten Frauen scheint keine geeignet, das Konfliktpotenzial mitzubegründen, das man in Deutschland zu spüren glaubt. Also alle Aufregung umsonst, auch weil die öffentliche Diskussion eine teils mediengemachte und damit künstlich verallgemeinernde, typisierende ist? Als Ergebnis wäre das aber wiederum nur ein Teil der Wahrheit. Denn auch wenn sich Hilal Sezgin der Formulierung von Forderungen an ihre Mitbürgerinnen enthält, so wird doch nicht zuletzt durch das Medium Buch eines deutlich: zumindest eine gemeinsame Sprache muss sein.
Von Olaf Selg
Hilal Sezgin: Typisch Türkin? Porträt einer neuen Generation.
Herder Verlag 2006.
192 S. Kart. 12,90 Euro.
ISBN 3-451-28875-3