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Wladimir Kaminer: Küche totalitär

05.06.2006

Esskultur als Trinkkultur

Endlich: Nun hat auch Wladimir Kaminer ein Kochbuch veröffentlicht. Darin wird der ehemals gefürchtete Russische Bär in zehn Teilrepubliken zerlegt und genüsslich symbolisch verspeist.

 

Personen des öffentlichen bzw. kulturellen Lebens, die noch kein Kochbuch veröffentlicht haben, sind generell als "out" zu bewerten. Es ist daher zu erwarten, dass immer mehr Autoren gegen das Vergessenwerden anschnippeln und -köcheln werden. Einer von ihnen ist der "Russendisko"-Autor Wladimir Kaminer (geb. 1967). Zusammen mit seiner Frau Olga kombiniert er einfache Geschichten und Gerichte, die weder literarisch noch kulinarisch überfordern dürften. Allerdings handelt es sich bei den fertigen Speisen nicht unbedingt um leichte Kost. Der eigene Magen sollte sich primär auf deftiges einstellen. Wiederkehrende Zutaten sind Rind- und Lammfleisch sowie die gängige Kartoffel und das gemeine Hühnerei.
Im Zentrum des Buches steht also nicht unbedingt eine exquisite Nouvelle Cuisine, die einen hungrig an die nächstgelegene Frittenbude denken lässt, sondern der Versuch einer exquisiten Mischung aus Küchen- und Landeskunde, inklusive global-historischem Kontext. In den zehn Kapiteln (Armenien, Sibirien, Georgien, ...) werden jeweils teils Augenzwinkernd Klischees verfestigt - "Der durchschnittliche Sibirjake ist groß und kräftig, ob Frau oder Mann" - oder ausgeräumt und längst fällige Aufklärung betrieben: "Echte Russen mögen keinen Kaviar." 99 % der Leser/innen werden sich an dieser Stelle vermutlich vor Verwunderung die Augen reiben.
Die Kapitel enthalten jeweils eine Handvoll Rezepte für vier Personen, wobei mit dem Vierklang aus Vorspeise, Suppe, Hauptgericht und Dessert durchaus ein festiv-deftiger Rahmen etwa für einen runden Abend vorgegeben wird. Es wird empfohlen, eine eiskalte Flasche Wodka gegen Völlegefühle in Bereitschaft zu halten.

Olaf Selg


Wladimir Kaminer: Küche totalitär. Das Kochbuch des Sozialismus von Wladimir und Olga Kaminer. Manhattan, 224 S., 18 Euro.

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