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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 03:15

 

Suketu Mehta: Bombay. Maximum City

06.10.2006

 
Megalopolis – Eine Stadt im Rausch

Suketu Mehtas spannende Reportagen bieten genau recherchierte Einblicke in die Macht und Ohnmacht einer Mega City.

 

Bombay oder besser Mumbay, wie die Riesenstadt seit 1994 auf Hindi heißt, hat viele Namen: noms de guerre, die ihr ihre Eroberer gaben. Die Portugiesen nannten sie „Bom Bahia“ – gute Bucht –, ein Sultan im vierzehnten Jahrhundert „Mumba Rakshasa“, die Engländer „Bombay“. Ursprünglich auf sieben Inseln erbaut ist sie heute auf trocken gelegten Sümpfen zu einer der fünf größten Städte der Welt angewachsen mit bald so vielen Einwohnern wie Australien. Ob Maximum City oder Bollywood, die Produktionsstätte des indischen Films – Mumbay ist ein Stadtkonglomerat, das westliche Vorstellungen sprengt.

Der Moloch Mumbay ist es heute ein Auffangbecken Hoffnungssuchender aus allen Provinzen Indiens, die statt das Paradies zu finden, allzu oft in der Hölle landen. Man führt viele Kämpfe in Mumbay, gegen das Meer, den Müll, den Regen, eine kontroverse Stadtplanung, Mietgesetze und die Eisenbahn. Verschiedene ethnische und religiöse Gruppen wie Moslems und Hindus bekämpfen sich untereinander aufs Äußerste.
Suketu Mehta, der mit 17 mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten emigrierte, kommt 20 Jahre später zurück nach Mumbay und betrachtet die einst vertraute Stadt mit den Augen eines Fremden. Aus us-amerikanischer Perspektive schildert er die Schwierigkeiten, ein ganz normales Familienleben zu etablieren. So ist er erstaunt, dass Vegetarier 20 Prozent Mietermäßigung bekommen. Als Journalist und Schriftsteller recherchiert er, was die widersprüchliche Stadt am Laufen hält. Fasziniert von der Vielfalt der Gegenwelten taucht er in die Subwelt der kriminellen Banden, Sexarbeiterinnen und Filmgrößen ein. Er erliegt dem Rausch der nachtaktiven Stadt und interviewt Gangster, Polizisten, Politiker, Filmsternchen und Nachtgestalten. Allmählich lernt er, wie sich diese Bereiche überschneiden und einer klaren Zuordnung entziehen.

Geschickt nutzt der Journalist seine große Neugier sowie seinen unabhängigen Status als Halbfremder und gerät dabei immer wieder in gefährliche Situationen. Ein Gangster sagt ihm, er recherchiere für das falsche Thema, er solle besser eine spirituelle Suche betreiben, wie die erleuchteten Jnanis “Die wußten alles. Sie sprachen nie, sondern lachten nur.” Suketu Mehta lacht nicht, urteilt nicht und gibt nicht vor, alles zu wissen. Dem Umschlagfoto von Sebastião Salgado, das auf einem Bahnhof eine das Individuum verwischende Menge von Menschen zeigt, setzt er gut ausgeleuchtete Persönlichkeiten entgegen. Dieser dicke Band spannender Reportagen liefert Einblicke in die Macht und Ohnmacht einer Mega City. Gefährlich und grausam mögen uns die Kämpfe erscheinen, die dort ausgefochten werden, aber Mehta zeichnet das Bild einer Stadt der Superlative, die zwischen Moderne und Orthodoxie größte Beweglichkeit aufbietet.

Maggie Thieme


Suketu Mehta: Bombay. Maximum City. Aus dem Englischen von Anne Emmert, Heike Schlatterer und Hans Freundl. Fischer 2006. 782 Seiten. 26,80 Euro.

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