Chen Guidi und Wu Chuntao: Zur Lage der chinesischen Bauern
15.10.2006
Tief im Westen des Osten
Eine Reportage, die weit über ihr Genre hinausweist – ein Muss zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ein Muss angesichts des ewig eintönigen Globalisierungsgeleiers und hoffentlich ein ewiger Dorn im fetten Fleisch der Partei, die versucht mit alter Macht ein längst neues Land zu regieren...
Der Lettre Ulysses Award ist nicht irgendein Preis, es ist der „Nobelpreis“ unter den journalistischen Auszeichnungen. Und mehr als verdient haben ihn das chinesische Ehepaar Chen Guidi und Wu Chuntao, denn sie haben darum gekämpft, dass die Wahrheit über die westlichen Gebiete Chinas endlich ans grelle Licht kommt. Was wir dann lesen dürfen, lässt uns in seiner Unausdenkbarkeit wahrhaft erschauern...
Unser Bild von China ist getrübt. Getrübt von blendenden Aufschwungsstatistiken, dem Pilzwuchs der Hochhäuser in boomenden Städten wie Shanghai, Wachstumsraten wie bei uns nach dem Krieg und ein naiver Zukunftsoptimismus, der so leicht daherkommt, dass es uns schwer fällt angesichts dieses Globalisierungsriesen, der da auf uns zutapert, einfach mitzulächeln.
Unlängst brachte der SPIEGEL eine aufsehenerregende Statistik heraus: drei globale Handelszentren waren als Kugeln dargestellt, in der Größe ihrer tatsächlichen Wirtschaftskraft. Da waren die USA, die EU, China und Japan abgebildet. Und Potzblitz - der Chinaball war beinahe so groß wie der europäische! Das Problem an dieser Graphik: Sie war komplett falsch. Ja, so weit geht unsere Hysterie also schon, unser heimliches Unterlegenheitsgefühl. Denn tatsächlich ist es so, die meisten Europäer empfinden sich als eine Art zum Untergang bestimmte Rasse, die chancenlos gen Osten blickt, auf das, was da kommt, hordenhaft wie einst nur die Hunnenflut. Um es gleich zu sagen: Der Redakteur hatte sich bei den Abbildungen in einem Verhältnis von exakt eins zu zehn getäuscht – zu europäischen Gunsten wohlgemerkt. Das wäre dann also so, als ob wir ein boomendes Irland in Deutschland als Bedrohung ansehen würden.
Wer nichts weiß, muss alles glauben
China besteht aus Gerüchten, aus Ängsten, aus Unwissen. Denn dieses Land, so sehr es auch die Welt der Zukunft zu dominieren anhebt, es hat mit Problemen zu kämpfen, die das europäische Industrialisierungszeitalter als romantisches Lagerfeuer erscheinen lassen. Soziale Spannungen, Verschmutzung, Bodenknappheit, Desertifikation – was in China binnen Jahrzehnten geschieht, hatte in Europa auf einer jahrhundertelangen Steckbank gelegen. Um sich ein erstes, aber tiefes Bild davon zu machen, ist Zur Lage der chinesischen Bauern ein großer, augenweitender Türöffner.
Ja, es ist ein wunderbares Buch, so makaber dies auch klingen mag angesichts der unzähligen Opfer, denen darin eine Stimme verliehen wird. Aber Chen Guidi und Wu Chuntao ist wirklich etwas Großes gelungen, etwas Wichtiges und überaus Erhellendes. Denn wir können niemals von einem Land sprechen, wenn von Chinas die Rede ist, auch wenn die KPCh dies immer wieder zu suggerieren sucht – es ist ein Kampf um den ungeteilten Machtanspruch, eine ewige Beschwörung der Einheit, die keine ist und vielleicht auch nie eine war. Doch so disparat wie im 21. Jahrhundert klaffte das Land wohl niemals auseinander. Während wir im Westen des Landes, gute 75% der Fläche Chinas, uns in einer Welt jenseits der Moderne, nah am Feudalismus befinden, so haben wir es im Osten des Landes mit einem Tiger, manche meinen auch: einem Drachen, zu tun, der - längst hat er sich den Schlaf aus den verträumten Augen geschüttelt - sich auf die Suche nach geeigneten Futterquellen macht. Und: großes Tier – großer Appetit. Mit europäischen Diäten wird er sich nicht abspeisen lassen...
Jenseits der Angst
Aber unsere Wahrnehmung ist geprägt von Sorge, um die über Jahrhundert zusammengeführten europäischen Pfründe. Wir spüren den Hauch aus dem Osten bereits und empfinden ihn als Gefahr. Hier wäre das Wort Gerechtigkeit allerdings eher angebracht. Doch apropos Gerechtigkeit: Unser soziales Verständnis einer gerechten Güterverteilung ist in China noch lange nicht erreicht, und es sieht beinahe so aus - hat man die Lektüre Zur Lage der chinesischen Bauern beendet -, dass sie auch nie intendiert gewesen war. Die Diskrepanzen in diesem Subkontinent sind unerträglich und - sie wachsen. Man kann sich dabei kaum vorstellen, was in den westlichen Provinzen vor sich geht. Guidi und Chuntao gebührt die Annerkennung, dies geleistet zu haben und dazu in einer Form, die einem europäischen Leser zunächst zwar etwas befremdlich, aber je weiter er sich wagt, desto faszinierender vorkommen muss. Denn die Autoren wählen eine Sprache zwischen Reportage und Fiktion. Was auf den ersten Blick beinahe unseriös erscheint, erweist sich aber immer mehr als Königsweg. Denn: Wer wollte schon in einem so ungeheuren Informationsballast, wie dem hier über Jahre zusammengeschleppten, versinken? Und wer wäre zufrieden angesichts der Unmenschlichkeiten nur mit einem Roman abgespeist zu werden?
Dieses Buch – es ist fast 600 Seiten lang – erfüllt seine eigenen Vorgaben auf das Beste. Die Komposition der einzelnen Episoden ist dabei allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Der Übersetzer jedoch – ein renommierter Sinologe – hat hier einige hilfreiche Eingriffe getan. Herausgekommen ist dabei auf sprachlicher Ebene ein wahres Faszinosum, dem man zwar oft die erklärenden Eingriffe des Übersetzers ansieht, das aber darüber hinaus so eine Weltfülle, Sprachwitzigkeit und Treffsicherheit in sich vereint, dass man meint, mit den Bauern aus Anhui – denn um sie geht es hier vor allem – schon des öfteren gemeinsam Tee getrunken und über die Ernte unterhalten zu haben. So lebendig wird uns das Personal einer Reportage...Ihre Kraft, Tag für Tag der anhaltenden Ungerechtigkeit, der alles verschlingenden Korruptionen und den gewalttätigen Übergriffen die Stirn zu bieten, ist von so großer menschlicher Tragik wie gleichzeitiger Stärke, dass es für unsereins kaum zu begreifen ist.
Ein Roman, der keiner sein will, eine Reportage, die weit über ihr Genre hinausweist – ein Muss zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ein Muss angesichts des ewig eintönigen Globalisierungsgeleiers und hoffentlich ein ewiger Dorn im fetten Fleisch der Partei, die versucht mit alter Macht ein längst neues Land zu regieren...
Christoph Pollmann
Chen, Guidi & Wu, Chuntao: Zur Lage der chinesischen Bauern. Eine Reportage. Erschienen bei Zweitausendeins. 600 Seiten . 39,90 Euro
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