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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 03:16

 

Tom Holert/Mark Terkessidis: Fliehkraft

25.10.2006

Fluchttourimus - Migranten und Touristen als Helden einer neuen postmoderen Ära

Glaubt man den Medien, ist Migration das Thema des Jahrhunderts. Es läßt sich fragen, ob nicht in jedem europäischen Jahrhundert stets auch Migration ein großes Thema war? Doch der Zugewinn an Mobilität und Kommunikation beschleunigt sicherlich die Bewegungsströme der Menschen, die Veränderung suchen.

 

Dabei kommt es zu Begegnungen derjenigen, die kurzfristig ihrem sicheren und denjenigen die mittel- oder langfristig ihrem unsicheren Leben entfliehen wollen. Tom Holert und Mark Terkessidis unternahmen Reisen an Orte, an denen sich die Routen von Arbeitsimmigranten und Individualtouristen kreuzen. Sie stellen fest, dass die Grenzen Europas nicht verschlossensind, vielmehr seien sie porös und ermöglichten eine erstaunliche Zirkulation.

Auf der Suche nach Orten, die zu Schnittpunkten von Flüchtlings-und Touristenströmen wurden, wie im Languedoc, wo in den 60er Jahren Algerier und französische Urlauber aufeinander treffen oder im heutigen Kroatien, wo Migranten ohne Papiere in leerstehenden Hotels interniert werden, entdecken sie Unterschiede und Gemeinsamkeiten der beiden sich in Bewegung befindenden Gruppen. So hätten bspw. zu Beginn des Massentourismus Touris und Migranten ein ähnliches Negativ-Image inne, man hielt sie für Barbaren. Oder dass bei beiden Gruppen die Reise als solche keine Rolle spiele, sondern nur die Unannehmlichkeit vor dem Ziel darstelle. Es sind interessante Annahmen, die aus dem Vergleich der Reiseparameter erwachsen. Die Intension der Autoren, die Ängste vor dem Zerfall von Zivilisation und Kultur zu besänftigen, geht allerdings bei ihren Ableitungen auf dem Weg zu einer “Neukomposition des physischen und sozialen Raums” manchmal etwas weit.
So hört es sich leicht zynisch an, zu sagen, Touristen und Migranten reisen beide pauschal, nur wenige nehmen die Strapazen eines echten Abenteuers auf. Was wäre ein richtiges Abenteuer? Heimat, Familie zu verlassen, um sich mit den dürftigsten Mitteln auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begegben, scheint trotz Schlepper-Komforts nicht unbedingt auf der Risiko-Reisen-Skala ganz unten zu stehen. Während manche Touristen schon eine Afrikareise von Luxushotel zu Luxushotel als das Abenteuer ihres Lebens erleben.
Die Analyse der Veränderung des öffentlichen Raumes durch Migration und Mobilität, etwa das Verschwinden eines authentischen Statdtraumes, der als unumstößliche historische Realität begriffen wurde, oder die Zunahme von Mobilitätsräumen, birgt faszinierende Überlegungen, während der Tourist-Migrant-Vergleich doch manchmal etwas schleppend daherkommt. Hier werdenprovokante Thesen aufgestellt, mit denen man nicht d’accord gehen muß, aber zum Weiterdenken aufgefordert ist.

Was passiert an den Begegnungspunkten von Satt- und Hungrigreisenden? Werden sie aufeinander zugehen und eine verträgliche Schnittmenge bilden? Wo sind die wirklichen Schnittpunkte zwischen ihnen und wer und was ist für die Wanderbewegungen verantwortlich? Was sind weitere vorstellbare Visionen der Folgen der sich überschneidenden Migration? Vielleicht werden die Ströme ja eines Tages aneinander vorbeimarschieren. Die aus dem Süden auf der Flucht vor den Katastrophen ihres Kontinents, die aus dem Norden auf der Suche nach besserem Klima, Bodenschätzen, Personal und weniger Menschen. Kurz beide auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, aber zu anderen Voraussetzungen. Ein Prozeß, den man an manchen Orten der früher sog. Dritten Welt beobachten kann, z.B. in Malindi, Kenya, wo sich eine wachsende Enklave wohlhabender Italiener angesiedelt hat. Eine Aussage wie, der Prozeß der Globalisierung setze die Menschen in Bewegung, gibt noch nicht viel her. Der nivellierende Begriff Globalisierung sagt nichts darüber aus, daß Mobilität für die einen heißt, als “human cargo” zu reisen und für die anderen im Billigflieger oder Luxusliner. Nichts über die ökonomische Not im Hintergrund und ihre Verursacher und nichts über eine Haltung zu diesem Phänomen.

Maggie Thieme


Tom Holert/Mark Terkessidis: Fliehkraft. Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen,
Kiwi Paperback, 2006,
285 Seiten, 8,95 EUR,
ISBN - 10: 3 462-03743-9

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