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K. Klingan/ I. Kappert: Sprung in die Stadt

25.10.2006

Blick ostwärts

Der Band verzichtet auf die hochtrabende Rhetorik einer Fremdenverkehrswerbung und auf die propagandistische Sprache der Politiker. Die Lektüre macht neugierig auf die thematisierten Städte und Länder und die dort lebenden Menschen, ohne die vorhandenen Probleme und Konflikte zu verschweigen.

 

Ost- und Südosteuropa ist für den Westeuropäer immer noch unentdecktes Land, exotischer und scheinbar weiter entfernt als die USA oder gar Mallorca. Da will die Kulturstiftung des Bundes mit einem Wälzer aushelfen, der sieben Städte vorstellt. Manche, immerhin, kennt man noch aus dem Geographieunterricht an der Grundschule („Wie heißt die Hauptstadt von Bulgarien, von Polen…?“), manche haben in den vergangenen Jahren politisch Schlagzeilen gemacht (gab es Sarajevo und Pristina auch schon vor dem Zerfall Jugoslawiens?), von einer zumindest, nämlich von Moldaus Hauptstadt Chişinǎu, ist nicht einmal der Name vertraut.
Die Auswahl der Städte entspricht nicht einem Konzept, sondern „folgt vielmehr den Kooperationen, die sich im Rahmen von ‚relations’ mit Künstlern und Autoren entwickelt haben“. „relations“ ist der Name des umfassenderen Projekts der Kulturstiftung. Die Autoren und Künstler liefern Reportagen und Erinnerungen, Essays und Feuilletons, Kurzdramen und Gespräche über ihre Heimatstädte und –länder, auch Sachtexte, etwa über Eigentumsrechte und Wohnungsbau in Sofia, sowie Fotos und Collagen, die ergänzt werden durch Beiträge deutschsprachiger Autoren wie unter anderem Mathias Greffrath und Marlene Streeruwitz. Die – übrigens gut übersetzten – Beiträge haben in ihrer überwiegenden Mehrheit über ihre informative Funktion hinaus einen ästhetischen Ehrgeiz. Das gilt umso mehr für die Fotos. Die Künste als Thema verschwinden hingegen, gemessen an den sonstigen Aktivitäten von „relations“, hinter den allgemein gesellschaftlichen Fragestellungen.

Die Vergangenheit spielt überall in die Gegenwart herein, genauer: Viele Texte konfrontieren den kapitalistischen Status quo mit jener Epoche, die sich sozialistisch nannte. Lenin tritt mehr als ein Mal auf. Er bleibt für viele Menschen aus dem Osten, meist ironisch gebrochen, eine Bezugsgröße. Insgesamt lässt sich keine einheitliche Grundstimmung aus den Texten und Bildern herausdestillieren. Sarkasmus wechselt mit Heiterkeit, Pessimismus mit Euphorie. Dass vieles in unseren östlichen und südöstlichen Nachbarstaaten Kritik verdient, verschweigen auch Bewohner, jedenfalls ihre Intellektuellen nicht, aber weinerlich sind sie deshalb keineswegs. Andererseits verzichtet der Band auf die hochtrabende Rhetorik einer Fremdenverkehrswerbung und auf die propagandistische Sprache der Politiker. Die Lektüre macht neugierig auf die thematisierten Städte und Länder und die dort lebenden Menschen, ohne die vorhandenen Probleme und Konflikte zu verschweigen.

Im Kapitel über Warschau untergebracht, aber den Rahmen des Bandes sprengend ist der überaus interessante Beitrag des in den USA lebenden Ukrainers Konstantin Akinsha über Modelle für ein Museum des Kommunismus. Er macht freilich einmal mehr darauf aufmerksam, dass man über „den Osten“ nicht unpolitisch reden kann. Selbst dann nicht, wenn von Malerei oder von Hip-Hop die Rede ist.

Thomas Rothschild


Katrin Klingan/ Ines Kappert (Hg.): Sprung in die Stadt.
Chişinǎu, Sofia, Pristina, Sarajevo, Warschau, Zagreb, Ljubljana.
Kulturelle Positionen, politische Verhältnisse.
Sieben Szenen aus Europa.
DuMont, 2006.
Gebunden. 632 S.
ISBN 3-8321-7693-4

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