Sachbücher zu aktuellen Themen sind ein Paradoxon der Warenwelt. Dass der Versuch, den rasantesten Entwicklungen mit dem denkbar gemächlichsten Medium beizukommen, auch nur ökonomisch Sinn macht, wird, zumal im Netz-Zeitalter, immer rätselhafter. Warum kaufen Menschen 300 Seiten über den Irak, wenn er schon morgen nicht mehr existiert? Wer lässt sich zum Preis von 29,90 ein Computer-Programm erklären, das bei Erscheinen des Handbuchs bereits belächelt wird? Wozu - und damit kommen wir zum Punkt - ein Überblick zum aktuellen Stand der Genforschung?
Die jüngst gelungene erstmalige Züchtung von Eizellen, mit der der in den USA forschende deutsche Biomediziner Hans Schöler Fachwelt und bedenkentragendes Feuilleton gleichermaßen aufgestört hat, wirkt wie ein Kommentar zu dieser Frage. Als die beiden Neuerscheinungen, die hier besprochen werden sollen, im Briefkasten lagen, gab es künstliche Ova noch nicht - noch rechnete man damit.
Für Werner Bartens' Dem Leben auf der Spur, das sich der Geschichte der DNS-Entschlüsselung widmet, bleibt das von relativ geringer Bedeutung, da es sich um einen rein historischen Abriss handelt, dem nun einfach das letzte Kapitel fehlt. Teile der umfangreichen ethischen Diskussionen jedoch, die eigentlich eine Stärke von Jens Reichs aktuellem Buch "Es wird ein Mensch gemacht" darstellen, scheinen dadurch tatsächlich obsolet.
Überflüssig ist trotzdem nur Bartens. Was vorgibt, gut lesbar über die Geschichte der Molekularbiologie im allgemeinen und der DNS-Forschung im besonderen zu informieren, stellt sich weitenteils als wissenschaftshistorisches Palaver heraus. Seitenlang kolportiert Bartens mehr oder weniger amüsante Schoten aus dem Kuriositätenkabinett der ganz schön verrückten Nobelpreisträger. Dazu kommen irrelevante Geschichten von Bartens eigenen Erlebnissen als Forscher an den National Institutes of Health (Betheseda), deren Weltgeltung er nicht zu erwähnen versäumt.
Natürlich lockert das auf; nur sollte man etwa über der Tatsache, dass die DNS-Entschlüssler Francis Crick und James Watson ziemliche Spinner waren, nicht sein eigentliches Projekt vergessen. Dieses nämlich scheitert, wenn der Leser zwischen zwei Schenkelklopfern mit Begriffen konfrontiert wird, die er sich nur mithilfe anderer Bücher erschließen kann. Die Faszination, die der Wissenschaftsbetrieb auf Bartens ausübt, beschränkt sich allzuoft auf journalistisch verwertbare Menschlichkeiten. Das hat mitunter seinen voyeuristischen Reiz - aber interessiert es mich wirklich, wer im Cambridge der Fünfzigerjahre wen nicht leiden konnte, wenn ich dafür nicht erklärt bekomme, was ein Nukleotid ist? Dass die Kapitel zum Teil aus bereits veröffentlichten Zeitungsartikeln bestehen und man somit vieles mehrfach liest, trägt ebenfalls wenig zum Lektürevergnügen bei.
Ganz anders das Buch von Jens Reich. Fundiert und ohne den geringsten journalistischen Ballast informiert er über den - nun nicht mehr ganz - aktuellen Stand der Forschung. In sieben aufschlussreichen Kapiteln werden zunächst die buzz words der Gentechnologie geklärt, wo nötig ihrer populistischen Semantik entkleidet und anschließend auf ihre ethischen Implikationen hin überprüft. Indem Reich Fragen der Ethik in Dialogform diskutiert, gelingt ihm ein bemerkenswert unangestrengter, Interesse weckender Zugang zu Kontroversen, die man längst unter Enquete-Kommissionen begraben meinte.
Darüberhinaus bleibt der Text jederzeit lesbar, gelegentliche Grafiken unterstützen das Verständnis. Verweise auf nützliche Internet-Links sowie ein Anhang, der kurz die Gesetzeslage in Deutschland referiert, orientieren den Leser auch über das Buch hinaus. Angesichts der Stellung der Biologie als Leitwissenschaft des letzten und mit Sicherheit auch des angefangenen Jahrhunderts ist Reichs Überblick jedem nur dringend zu empfehlen - zumindest für die nächsten sechs Monate.
Mathias Tretter
Werner Bartens: Dem Leben auf der Spur. Biografie einer Entdeckung.
Deutsche Verlags-Anstalt 2003.
Gebunden. 222 Seiten. 19,90 Euro.
ISBN 3-421-05689-7.
Jens Reich: Es wird ein Mensch gemacht. Möglichkeiten und Grenzen der Gentechnik.
Rowohlt Berlin 2003.
Gebunden. 192 Seiten. 16,90 Euro.
ISBN 3-87134-471-0.