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Mittwoch, 23. Mai 2012 | 03:28

 

Horst Stowasser: Anarchie!

02.08.2007

 
Ist Anarchie machbar, Herr und Frau Nachbar?

“... perfekt ist die Gesellschaft, die Ordnung mit Anarchie verbindet.” (Pierre-Joseph Proudhon)

 

Was ist Anarchismus? Kein Eigentum, keine Regierung, freie Liebe, Bomben und kein Geld? Freiheit pur? Die Schlagworte suggerieren eine Vision zwischen Paradies und Hölle. Weltfremde Träumereien oder ein zu realisierendes Konzept? Was versteht man unter an-archischen Strukturen? Und darf man in der Anarchie seine Waschmaschine behalten?
Horst Stowasser stellte sich schon in der 70er Jahren die Aufgabe, zu erklären, was eigentlich Anarchie ist. Die damals noch dünne Textsammlung ist jetzt in der Wiederauflage zu einem 500 Seiten Wälzer angewachsen. Der schwere rotschwarze Band spannt den Bogen von der Idee des Anarchismus über seine Geschichte zu dem was Anarchismus heute heißen kann.

Stowasser stellt richtig: Eine anarchistische Gesellschaft sei kein starres Gebilde, der Anarchismus kein festgeschriebenes Programm. Der anarchistische Entwurf einer sozialen Utopie sei ein fließender, man könne ihn “als ein großes Dach, ein Basar der Vielfalt, ein Feld des Experiments” verstehen. Doch ausgehend von der Grundidee vom selbstbestimmten Handeln ohne Herrschaft subsummieren sich unter diesem Oberbegriff eine Reihe von anarchistischen Essentials. Dazu gehört die massive Kritik an fast allen bestehenden Ideologien, dem Staat an sich, dem Patriachat, dem Eigentum, etc. Demgegenüber stehen eine radikale Verpflichtung zur Ökologie, zur Selbstverwaltung, zum Netzwerken, zu überschaubaren gesellschaftlichen Einheiten, etc. Dass Männer und Frauen für diese Werte gekämpft und sie zeitweise gelebt haben, zeigen die bekannteren Beispiele aus der Geschichte, wie die Pariser Kommune oder die Zeit des spanischen Bürgerkrieges. Aber auch unbekanntes findet sich. So hat sich das Echo anarchistischer Ideen sowohl im asiatischen Raum wie in australischen Seehäfen niedergeschlagen. Gegenwärtige libertäre Lichtblicke sieht Stowasser im Erstarken der französischen Gewerkschaft “CGT”, bei den mexikanischen “Zapatistas” oder im sich eher unorganisiert formierenden Widerstand wie gegen den G 8 Gipfel.

Vielleicht könnte man kritisch man anmerken, dass es wenig Hinweise auf heute gelebte Utopien gibt, aber dies hätte den ohnehin dicken Band wohl auch gesprengt. Dennoch ist das Handbuch der Anarchie zugleich ein spannender Schmöker wie ein ergiebiges Nachschlagewerk. In der Tat werden heute, da sich der Bedeutung der Arbeit als ökonomische Grundlage der Gesellschaft wandelt, der Staat seine Sozialverantwortlichkeit abgibt, anarchistische Lebensprinzipien wieder interessant. Horst Stowasser macht deutlich, dass der Sommer der Anarchie international länger dauerte, als man ihm zugestand. Ob Formen davon wieder zu beleben sind, bleibt in den klimatisch heißer, gesellschaftlich jedoch kälter werdenden europäischen Jahreszeiten zu beobachten. “Im Grunde ist jeder Anarchist, der nur ernsthaft sucht.”(H. Stowasser)

Maggie Thieme


Horst Stowasser: Anarchie!
Idee - Geschichte - Perspektiven,
Edition Nautilus 2007
Gebunden. 510 Seiten, 39,80 EUR,
ISBN: 978-3-89401-537-4

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