Mit
Der entfesselte Globus ist Trojanow nun wieder zu seinen literarischen Wurzeln zurückgekehrt. Der gebürtige Bulgare versammelt in seinem neuesten Werk eigene Texte aus 26 Jahren, von seiner Schulzeit im Afrika der 1980er-Jahre bis hin zu literaturtheoretischen Reflexionen, entstanden in Berlin 2007. Die Erinnerungen sind geografisch geordnet, führen von Afrika nach Indien, von Asien nach Bulgarien. Weil es keine feinere Ordnung gibt, kann eine Bestandsaufnahme der Buchbranche Tansanias von 1996 neben einer 2005 entstandenen sozio-politischen Betrachtung des südafrikanischen Sports stehen, kann der der Leser immer wieder aufs Neue eintauchen in verschiedenste kulturelle Schmelztiegel, die Spiegel sind von Vergangenheit und Gegenwart fremder Länder und Generationen.
Trojanow entführt in eine Schule Nairobis, wo sich Schüler aus aller Herren Länder vom verzweifelten Lehrer nicht auf eine kulturelle Identität festlegen lassen. Man folgt ihm in einem Militärflugzeug über den Niger, in die Slums von Bombay, auf ein Kreuzfahrtschiff auf dem Indischen Ozean, in einen ehemaligen bulgarischen Gulag und an tausend andere Orte, die man nie betreten möchte und schon immer gerne gesehen hätte.
Dass man sich angesichts der unbekannten Vielfalt nicht verloren fühlt, darin liegt die Kunst des Reiseführers Trojanow, der in den Wirren eines flimmernden Mikrokosmos´ nicht die größeren Zusammenhänge aus dem Auge verliert. Bei Trojanow deuten sich in lokalen Begebenheiten globale Zusammenhänge an, öffnet sich in einer leicht übersehbaren Geste eine fremde Welt. Stets gilt sein Blick dem alltäglichen Leben derer, von denen hierzulande allenfalls massenmediale Katastrophenbilder zu sehen sind. Wenn diese längst vergessen sind, klingen Trojanows Erschütterungen noch lange nach.
Die Zugangsweise des polyglotten Journalisten ist dabei - welch Glück für uns Leser! - die Sprache. Wie Sir Richard Francis Burton im
Weltensammler liest sich auch Trojanow ein und bemüht sich um die Landessprache als Schlüssel zu den Lebenswelten der Menschen, über die er schreibt. Dies wird offensichtlich, wenn er sich beispielsweise den Terroranschlägen in Bombay 2006 mit einer vergleichenden Buchbesprechung dreier indischer Autoren nähert. Zudem, wie könnte es anders sein, spiegelt sich Trojanows kulturelle Offenheit in seiner eigenen Sprache. Spannend und lehrreich lesen sich seine einfühlsamen Landschaftsskizzen, in denen man fremden Worten,
aterere, shloka, yanni, begegnet wie neuen Freunden in der Fremde.
In der Tradition von Reportern wie Ryszard Kapuściński und Egon Erwin Kisch stehend, sind Ilija Trojanows Reportagen eindrucksvolle Momentaufnahmen, die sich einlassen auf die individuellen Unwägbarkeiten der Kapstadts, Nairobis und Sofias dieser Welt. Vor dem Hintergrund der mit Furcht und Freude empfangenen Globalisierung sind sie jedoch weit mehr als ungewohnte Einblicke in exotische Orte. Trojanow zeigt uns unsere Nachbarn im globalen Dorf, gleich anderen Knotenpunkten im Netz von Indra, das nach buddhistischer Vorstellung alles durchzieht und miteinander verknüpft. Auf einem Globus, der gerade seine geografischen Fesseln verliert, lösen Reporter wie Ilija Trojanow die der Intoleranz.
Jörg Döbereiner
Ilija Trojanow: Der entfesselte Globus.
Reportagen.
Carl Hanser Verlag 2008.
195 Seiten. 17,90 Euro.